Landesverband Berlin im
Deutschen Freidenker-Verband e.V.

Anmerkungen zur Kampagne „Berufsverbote“

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Wir geben hier eine Stellungnahme unseres Mitglieds im Berliner Freidenker Verband Beate Brockmann über die Wanderausstellung zu Berufsverboten in der BRD wieder. Beate begründet, warum sie ihren Bekannten den Besuch dieser Wanderausstellung nicht empfiehlt. Dabei wird die Ausstellung differenziert gewürdigt und zugleich auch der ungeheure gesellschaftspolitische Druck anschaulich gemacht, unter dem sie zustande kam. Wohlgemerkt: Beate fordert keinesfalls dazu auf, diese Ausstellung nicht zu besuchen oder gar dem Anliegen die Solidarität zu entziehen – wie auch, ist sie doch selber von Berufsverboten infolge des Radikalenerlasses schwer betroffen und geschädigt worden.

Mit diesem „Radikalenerlaß“ zeigte die „Ostpolitik“ von Brandt und Bahr ihr wahres Gesicht: Es ging dabei nicht nur um den verschärften Antikommmunismus im eigenen Landesteil, sondern es sollte mit diesem Angriff insbesondere die DDR delegitimiert und ihre Ausstrahlung in die BRD geschwächt und unterbunden werden.

Die Praxis der Berufsverbote zeigt, daß die Konterrevolution keineswegs nur „auf Filzlatschen“ daherkam, sondern mit dem Einsatz entschiedenster Repression verbunden war.

Und hier liegt genau der wunde Punkt, auf den Beate Brockmann – als Betroffene! – vollkommen zu Recht den Finger legt: Solidarität mit den von Berufsverboten Betroffenen würde fast grotesk, wenn sie nicht die Solidarität mit den Bürgern der DDR einschließt, die seit 1990 millionenfach von Berufsverboten und Diskriminierungen auf jeder Eben ihres Lebens betroffen sind. Denn die Liquidierung des sozialistischen deutsches Staates, die Enteignung und Kolonisierung seiner Bevölkerung war letztlich das Ziel der ganzen Operation.

Dieses Thema und die wertvolle Stellungnahme von Beate haben für uns als Berliner Landesverband der Freidenker besondere Bedeutung: Ein großer Teil unserer Mitglieder in der Hauptstadt ist als DDR-Bürger von dieser Diskriminierung, bis zu den Strafrenten, betoffen. Ein anderer Teil, aus dem Westteil der Stadt und des Landes stammend, ist vom „Radikalenerlaß“ betroffen.

Deshalb danken wir der Autorin für diesen Text, der nach unserer Meinung sämtlichen Mitgliedern unseres Landesverbandes aus dem Herzen spricht!

Für den Landesvorstand der Berliner Freidenker

Klaus Linder

Betr.: Berufsverbote – Wanderausstellung – homepage
http://berufsverbote.de/index.php/englisch.html

Anmerkungen zur Kampagne „Berufsverbote“

Als ehemals Berufsverbotsbetroffene und – was die Auswirkung auf meine
Rentenhöhe heute betrifft- Berufsverbotsgeschädigte lebe ich seit zwei
Jahrzehnten nicht mehr in Deutschland. Um hier im Ausland von den
deutschen Berufsverboten zu erzählen, guckte ich mir die
Wanderausstellung genauer an. „Mit diesen Informationen dürften eine
ganze Menge Fragen zu beantworten sein“ schrieb mir Klaus Lipps am
17. März 2018. Mit dem ersten Augenschein stellte ich fest, dass die
englische Version keine eins zu eins Übersetzung aus dem Deutschen
ist, was ich zunächst als harmlos abtat. Doch beim genaueren Studieren
der beiden Ausstellungsversionen beantworteten sich keine Fragen
meiner Gesprächspartner hier im Ausland, im Gegenteil warfen sich mir
Grundsatzfragen auf, und ich beschloss aus meinem Unbehagen heraus,
niemandem -nweder Bekannten in Deutschland noch im Ausland- diese
Wanderausstellung zu empfehlen.

Die Ausstellung – besonders in Tafel 7 /deutsch zu sehen – geht stark
von einer verschrobenen Totalitarismustheorie aus, als wenn sie auf
Staaten zuträfe, nur nicht auf Ideologien. (Das wäre einen
philosophischen Streit wert.) Ich denke, dass solch ein
Grundsatzdiskurs – wie auch immer geführt – historisch nicht der
Hintergrund von Berufsverboten nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland
– einschliesslich der alten westlichen BRD – war. In der englischen
Version stiftet Tafel 7 geradezu Verwirrung: Dort wird dargelegt, dass
in der Sowjetunion unter Stalin mehr als 1 Million Kommunisten
umgebracht wurden – da fragt sich der Poster-Schauer doch, warum
empören über deutsche Berufsverbote? In Deutschland wurde ja niemand
umgebracht, weil er Kommunist ist.

Was uns allen fehlt, glaube ich, ist eine heisse strittige Diskussion
über unsere deutsche Geschichte ohne Berührungstabus, was aus ihr zu
lernen ist. Ich würde mir wünschen, die würde gerade von uns
Berufsverbotsbetroffenen angstfrei ausgehen. Was haben wir zu
befürchten, die wir schon einmal unseren Kopf hingelegt haben?
Vielleicht könnte man eine breite Auseinandersetzung anstossen über
die Erfahrungen der Vergangenheit und wie man die in Beziehung setzt
zur gegenwärtigen Realität?

In der Ausstellung fällt mir desweiteren auf, dass das zugrunde
gelegte Material für Schlussfolgerungen und Beweise hauptseitig von
„Die Zeit“, „Die Welt“ und anderen Mainstream-Quellen beliefert ist.
Kann auf diese Weise ein korrektes komplexes Bild der Berufsverbote in
Deutschland entstehen?

Bemerkenswert die Antwort von Klaus Lipps am 25. März 2018: „Die Texte
der Ausstellung sind Kompromisse, auf die sich die Ausstellungsmacher
in langen und zähen Diskussionen geeinigt haben. (….)Soweit wir die
Berufsverbots-Betroffenen vertreten, sind wir selber auch ein
Kompromiss – ein Bündnis eben aus Betroffenen, die ja bekanntlich aus
sehr verschiedenen Richtungen kommen. (…) Und im Grossen und Ganzen
ist es erfreulich zu sehen, dass Leute aus den verschiedenen Gruppen
die alten Streitigkeiten ruhen lassen können und gemeinsam gegen das
Unrecht angehen.“

Ich frage mich, worum geht es der Berufsverbote-Kampagne, diesem
fragilen Bündnis? Das erlittene Unrecht – vollstreckt in alten Zeiten –
anprangern und für die persönliche
Reputation/Wiedergutmachung/finanzielle Entschädigung kämpfen? Sollten
nicht vielmehr gerade wir – sei es nur wenige mit politischem Anspruch
und Gewissen – öffentlich aufstehen und uns für die heutigen
dringlichsten Forderungen engagieren als Menschen, die aus alter
Erfahrung mit dem gesellschaftlichen System Deutschlands, nämlich als
Berufsverbotsbetroffene, wissen, was sie tun müssen für hier und heute
notwendig – ähnlich wie die Whistleblower weltweit, von denen einige
mit langen Haftstrafen im Gefängnis sitzen, im Exil ausharren, die nie
die ihnen zugefügten disziplinierenden entwürdigenden Massnahmen in
den Mittelpunkt stellen, sondern sich zusammengetan haben (jedenfalls
einige wenige bzw. soweit es ihnen möglich ist), um immer wieder
öffentlich mit ihren Kommentaren den Finger in die neuen Wunden zu
legen. Ich meine, bei uns Berufsverbotsbetroffenen (sei es nur wenige
von uns) sollte es weniger vorrangig um die Bewältigung, den Ausgleich
unserer beschädigten Biografien gehen, als vielmehr um heutiges
politisches Wirken. Dabei spielt selbstverständlich die Betroffenheit
von Berufsverboten unterschwellig eine Rolle. Gemeinsam gegen Unrecht
angehen und alte Streitigkeiten ruhen lassen – wie die Devise der
Berufsverbote-Kampagne lautet -, ist kein Wert an sich, wenn es dabei
zu einer Vereinbarung führt, die auf Antikommunismus (Linie
Rosa-Luxemburg-Stiftung) hinausläuft.

Als ersten Punkt, für den wir bzw. einige wenige
Berufsverbotsbetroffene öffentlich auftreten könnten heute, wäre zum
Beispiel gegen die Russophobie bei gleichzeitiger Militarisierung der
Gesellschaft und massiver Aufrüstung. Das erfordert Mut, das haben wir
Berufsverbotsbetroffenen doch schon mal gezeigt und durchgestanden.
Ich könnte mir in Anlehnung an ein berühmtes Plakat vorstellen: ALLE
REDEN VON RUSSISCHEN DISSIDENTEN – WIR SIND DIE DISSIDENTEN VON
DEUTSCHLAND…. und dann machen wir in einem kurzen Text aufmerksam auf
die Kriegschürung und das uralte Feindbild. Mir gefällt nicht, wenn
wir Berufsverbotsbetroffene nur um unseren eigenen Nabel kreisen und
aus Sorge um Streit, der vielleicht zu Abspaltungen (von was
eigentlich: der Nabelschau?) führen könnte, eine politische Diskussion
vermeiden. Das bedeutet für mich, wir sind erfolgreich mundtot
gemacht, haben uns zu einem Burgfrieden vereinbart: War das nicht der
Zweck der Berufsverbote? Das war doch das Perfide an der
Berufsverbots-Verteilungspraxis : Es konnte jeden treffen, ob
Funktionär oder kleiner Sympathisant. Die Wirkung war wie ein
Damoklesschwert: Unabhängig vom konkreten Tun eines Einzelnen schürte
die Drohung eines Berufsverbots allgemeine Angst. Deshalb sind auch
Menschen indirekt vom Berufsverbot betroffen, denen nie ein
Berufsverbot erteilt wurde: Ich kenne Einige, die aus Furcht vor
möglichem Berufsverbot ihr Studium auf Lehramt wechselten hin zu einer
anderen Kariere zum Beispiel, andere mischten sich nicht mehr in
gesellschaftliche Konflikte ein, unterschrieben zum Beispiel keine
Solidaritätsaufrufe mehr. Eine Rehabilitation der
Berufsverbotsbetroffenen kann nur in einer politischen Atmosphaere des
Widerstands erfolgreich sein, die zu grundlegenden Veränderungen in
Richtung Demokratie geführt hat. Eine finanzielle Abspeisung unter den
heutigen Bedingungen / juristischen Beschränkungen würde uns bloss
zusätzlich den Mund stopfen.

Und haben wir eigentlich mal darüber nachgedacht, dass es der
Strategie der neuen Bundesrepublik mit ihren imperialistischen
Ambitionen als Führerin einer westlichen Wertegemeinschaft und Europa
in ihr Propaganda-Image passt, wenn der Makel der Berufsverbote nicht
mehr ihr Selbstbild beschmutzt? Dafür gilt es, aufkommenden Unmut
wegen der Altlast Berufsverbote in ungefährliche Gewässer zu
kanalisieren, d.h. in antikommunistisches, mit Totalitarismus
begründetes Fahrwasser abzudrängen, ohne dass Gesinnungsschnüffelei
eingestellt worden ist. Wollen wir uns wirklich für ein Schweigegeld
einkaufen lassen, nur damit der Export-Meister Deutschland vor der
Welt sauber da steht?

Zurück zur Wanderausstellung. Sie geht detailliert auf geschichtliche
Strömungen ein, die von Unrecht, Ungerechtigkeit, politischer
Opposition und mutigen Einzelpersönlichkeiten erzählen. Doch ich
vermisse einen empörenden Fakt aus der jüngsten Zeitgeschichte, der
bis heute nachwirkt: Die Darstellung der riesigen Welle der
Berufsverbote, die ehemalige Bürger der DDR betraf.
Dazu erläutert Klaus Lipps am 28.März 2018: “ Den Gedanken, uns mit
den Berufsverboten in und nach der DDR zu beschäftigen, haben wir 2012
mit grosser Mehrheit abgelehnt. (…) Unser Thema war der
Radikalenerlass von 1972 in der Bundesrepublik. Den und seine
persönlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen kannten und kennen
wir bis ins Detail. Und wir hatten nicht die Kraft und nicht genügend
Wissen, uns fundiert mit ähnlichen Ereignissen in und nach der DDR zu
befassen.“

Wieso werden ausführlichst alle möglichen historischen Ereignisse
– dargestellt wie angebliche Vorläufer des Radikalenerlass- in der
Ausstellung aufgezeigt, aber angeblich liegt keine Kenntnis über die
abgewickelten Staatsbediensteten der abgewickelten DDR vor! Was soll
die hintersinnige Anspielung von Berufsverboten „in“ der DDR? (Das
weist auf die Tiefengründung der Berufsverbots-Kampagne hin:
Totalitarismus und Antikommunismus, nur mit diesen Kriterien kann man
sich erfolgreich beim Deutschland von heute einschleichen, siehe
oben.) Kennt die Kampagne wirklich den Radikalenerlass und dessen
Auswirkungen bis ins Detail? Bei meinen Anhörungen (bei der ersten
ging es um Ausbildungsverbot in Hamburg, bei der zweiten um
Berufsverbot in Baden-Württemberg) wurde meine Gesinnung geprüft mit
Fragen, welche Haltung ich zu Reisen in die DDR, Büchern und
Schulsystem der DDR habe, mir wurden Zitate aus dem philosophischen
Wörterbuch der DDR vorgehalten und wie ich dazu stünde, kurz gesagt,
bei mir sass die DDR damals mit am Tisch als Vorwurf und als Verbot,
eine sozialistische Alternative überhaupt zu denken.

Wir wünschen uns Solidarität für unsere Berufsverbotsbetroffenheit,
was ist mit unserer Solidarität mit den entlassenen Bürgern der
Ex-DDR?

Wie könnten wir Berufsverbotsbetroffene uns in die Veränderung des
politischen Klimas in Deutschland einmischen, dadurch auch
überzeugender sein besonders in Bezug auf die Jüngeren in unserem
Land?

Ich bin nicht bereit, mich meines Berufsverbotes wegen vor den Karren:
Antikommunismus/Totalitarismus/Stasi-Hysterie/Russophobie spannen zu
lassen – wer auch noch!?

BEATE BROCKMANN

verhinderte Volks- und Realschullehrerin wegen Berufsverbot,
Museumspädagogin, Stadtplanerin, Szenenbildnerin, vorzeitig berentet
wegen chronischer Krankheit, lebt seit dem in London und Italien

Dieser Beitrag wurde am Donnerstag, 12. Juli 2018 um 11:46 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Allgemein abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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