Landesverband Berlin im
Deutschen Freidenker-Verband e.V.

Nachdenken mit Lenin (3) – Terror und Todesstrafe

Warum steht eine (3) im Titel „Nachdenken mit Lenin“, da es doch weder eine (1) noch eine (2) gibt. Die Erklärung ist einfach: Als wir uns im Freidenkergespräch im März 2017 Lenin zuwandten (hier ein Video von der damaligen Veranstaltung), hatte noch niemand geplant, diese Beschäftigung kontinuierlich fortzusetzen.

Wir stellten aber fest, dass das Interesse das Werk des bedeutendsten Führers der Revolution besser kennen zu lernen groß und noch keineswegs befriedigt ist. Ich glaube überdies, dass der unfruchtbare, scholastische Charakter vieler Auseinandersetzungen um Stalin und Stalinismus zurückgedrängt werden kann, wenn wir souveräner mit dem tatsächlichen Erbe Lenins umgehen.

Wir brauchen keine sozialdemokratisch-„links“ ausgerichteten (Um-)deutungen Lenins, wir können auf den stalinistischen Tunnelblick verzichten, denn: Lenins Wort ist im Original verfügbar. Wir müssen es „nur“ zur Kenntnis nehmen. Das freilich erspart uns niemand. So kam es zum zweiten Posting „Nachdenken mit Lenin“.

„Nachdenken mit Lenin“ hat keinen systematischen Anspruch. Ich will kleine Anregungen geben, die vielleicht manchmal ein „Aha-Erlebnis“ auslösen.

Das Folgende ist ein kurzer Auszug aus dem Bericht Lenins „über die Arbeit des Gesamtrussischen Zentralexekutivkomitees und des Rats der Volkskommissare auf der ersten Tagung des Gesamtrussischen ZEK der VII. Wahlperiode, 2. Februar 1920.“ Anfang 1920, das war mitten im Bürgerkrieg aber doch zu einem Zeitpunkt als entscheidende Siege bereits errungen waren.

Die Quelle, Werke Band 30, Seite 305-322, ist online verfügbar. Der Auszug findet sich auf den Seiten 317f; die Hervorhebungen sind von mir.

„Was die wichtigsten Maßnahmen unserer Innenpolitik betrifft, die sich in der zweimonatigen Berichtsperiode mehr oder weniger von den laufenden Arbeiten abheben, so ist von besonderer Wichtigkeit folgende Verordnung, die der Bestätigung durch das Gesamtrussische ZEK bedarf. Es handelt sich um die Verordnung über die Abschaffung der Todesstrafe. Sie wissen, daß Gen. Dzierzynski, der Leiter der Gesamtrussischen Tscheka und Volkskommissar für Innere Angelegenheiten, sofort nach dem großen Sieg über Denikin, nach der Einnahme von Rostow, dem Rat der Volkskommissare den Vorschlag unterbreitet und ihn in seinem Bereich durchgeführt hat, nämlich die Todesstrafe, soweit deren Anwendung von der Tscheka abhängt, abzuschaffen. Wenn die bürgerliche Demokratie in Europa nach Kräften die Lüge verbreitet, daß Sowjetrußland vorwiegend auf Terror gegründet sei, wenn das sowohl von der bürgerlichen Demokratie als auch von den Sozialisten der II. Internationale verbreitet wird, wenn Kautsky speziell ein Buch mit dem Titel „Terrorismus und Kommunismus“ schreiben konnte, in dem er erklärt, daß sich die kommunistische Herrschaft auf den Terrorismus stützt, so können Sie sich vorstellen, wie in dieser Beziehung gelogen wird. Und um diese Lüge zu widerlegen, haben wir uns zu dem Schritt entschlossen, den Gen. Dzierzynski getan und den der Rat der Volkskommissare gebilligt hat. Und diese Maßnahme bedarf der Bestätigung durch das Gesamtrussische ZEK.

Der Terror wurde uns durch den Terrorismus der Entente aufgezwungen, als die stärksten Mächte der Welt, vor nichts zurückschreckend, mit ihren Horden über uns herfielen. Wir hätten uns keine zwei Tage halten können, wären wir diesen Versuchen der Offiziere und Weißgardisten nicht ohne Erbarmen begegnet, und das bedeutete Terror, aber der Terror wurde uns durch die terroristischen Methoden der Entente aufgezwungen. Sobald wir aber den entscheidenden Sieg errungen hatten, noch vor Beendigung des Krieges, sofort nach der Einnahme von Rostow, verzichteten wir auf die Anwendung der Todesstrafe und zeigten damit, daß wir zu unserem eigenen Programm so stehen, wie wir es versprochen haben. Wir erklären, daß sich die Anwendung von Gewalt aus der Aufgabe ergibt, die Ausbeuter, die Gutsbesitzer und Kapitalisten, zu unterdrücken; wenn das getan ist, verzichten wir auf alle außerordentlichen Maßnahmen. Wir haben das durch die Tat bewiesen. Und ich denke, hoffe und bin sicher, daß das Gesamtrussische ZEK diese Maßnahme des Rats der Volkskommissare einstimmig bestätigen und sie so beschließen wird, daß die Anwendung der Todesstrafe in Rußland unmöglich wird. Selbstverständlich wird uns jeder Versuch der Entente, wieder zu den Methoden des Krieges zu greifen, zwingen, zu dem früheren Terror zurückzukehren; wir wissen, daß wir in einer Zeit der Räuberei leben, wo man mit guten Worten nichts erreicht; das hatten wir im Auge, und sobald der entscheidende Kampf zu Ende war, gingen wir sofort an die Abschaffung dieser Maßnahmen, die in allen übrigen Staaten unbefristet angewandt werden.“

Das ist glänzende Aufklärung:

  • Ja, die terroristische Konterrevolution konnte nur mit Terror („ohne Erbarmen“) gehindert werden, die Sowjetmacht zu vernichten.
  • Von sich aus, vom eigenen humanistischen Programm her, wendet die Sowjetmacht niemals Terror an.
  • Die Sowjetmacht beendet den aufgezwungenen Terror sofort, sobald ihre Existenz nicht mehr akut bedroht ist („noch vor Beendigung des Krieges“).
  • Im Gegensatz dazu wenden die imperialistischen Staaten den Terror unbefristet an.
  • Die Behauptung, die Sowjetmacht stütze sich auf den Terrorismus ist Ausdruck der imperialistischen Lügenpolitik, die auch von den sozialdemokratischen Führern vertreten wird.
  • Welten trennen die bolschewistische Position zum Terror, die unter Lenins Führung  noch während des Bürgerkriegs durchgesetzt wird, vom Terror als stalinistischem Herrschaftsinstrument beginnend etwa ab 1929 bis 1953 mit den Extremen des Massenterrors besonders in den Jahren 1936 bis 1938.

***

Der Deutsche Freidenkerverband veranstaltet im September 2017 in Berlin eine wissenschaftliche Konferenz aus Anlass des 100. Jahrestages der Oktoberrevolution. Erfreulich wäre es und wir sollten dafür sorgen, dass diese Konferenz eine Übung des Nachdenkens mit Lenin wird.

Dieser Beitrag wurde am Montag, 07. August 2017 um 12:49 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Aufklärung, DFV Berlin, Nation, Politik abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen.

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