{"id":1108,"date":"2012-12-07T21:00:00","date_gmt":"2012-12-07T19:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.berlin.freidenker.org\/?p=1108"},"modified":"2012-12-08T12:12:48","modified_gmt":"2012-12-08T10:12:48","slug":"cui-bono-pussy-riot-story","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.berlin.freidenker.org\/?p=1108","title":{"rendered":"CUI BONO? (Pussy-Riot-Story)"},"content":{"rendered":"<p><i>Von Olaf Br\u00fchl (3. Dez. 2012), Berliner FreiDenker<\/i><\/p>\n<p>Mit gro\u00dfem Erstaunen und Befremden haben die Berliner FreiDenker zur Kenntnis genommen, dass das Internationale Literaturfestival Berlin (ilb) mehrere Veranstaltungen im Zusammenhang mit den Solidarit\u00e4ts-Kampagnen f\u00fcr die weibliche Moskauer Punk-Gruppe \u201ePussy Riot\u201c (<i>Muschi-Krawall<\/i>)<b> <\/b>organisiert. Zu den Teilnehmern am 12. Dezember geh\u00f6ren laut Ank\u00fcndigung des ilb in Berlin die Bundestagsabgeordnete Marieluise Beck (B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen), die K\u00fcnstlerin Joulia Strauss, sowie die Schauspielerinnen Franziska Herrmann, Tatiana Nekrasov und Nina West. Die Literaturnobelpreistr\u00e4gerin Elfriede Jelinek habe speziell f\u00fcr die Veranstaltung ein Punk-Gedicht eingesprochen. Dar\u00fcber hinaus soll die als \u201eworld-wide-reading\u201c deklarierte Aktion, die, allerdings nicht ganz so \u201eweltweit\u201c wie verk\u00fcndet, an weiteren Orten in sechs L\u00e4ndern stattfinden: so in Moskau, in einer Kultur-Bar in Toulouse, am City-College von Santa Barbara, im Kleinen Literaturhaus Basel, zwei Orten in \u00d6sterreich, n\u00e4mlich dem Freien Radio Innsbruck und im Driesch Verlag Dr\u00f6sing, sowie 9 Orten in Deutschland, so in Rostock, Hamburg, Fulda, Frankfurt\/M., Aalen, Saarbr\u00fccken und zwei in Berlin. Das Internationale Literaturfestival Berlin ist eine Veranstaltung der Peter-Weiss-Stiftung f\u00fcr Kunst und Politik e.V. und der Berliner Festspiele unter Schirmherrschaft der Deutschen UNESCO-Kommission. \u2013 Bereits am 8.9.2012 fand eine Benefiz-Veranstaltung f\u00fcr Pussy Riot im Haus der Berliner Festspiele statt. Die Teilnehmenden waren u.a. Marion Brasch, Jakob Hein, Wladimir Kaminer, Janne Teller und die Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot, sie verzichteten auf ihre Gagen, die Einnahmen werden Pussy Riot zur Verf\u00fcgung gestellt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Was war geschehen? Worum im Einzelnen geht es genau? \u2013 Am 21. Februar 2012 hatte die russische Punk-Gruppe Pussy Riot in der Moskauer Christ-Erl\u00f6ser-Kathedrale in Gegenwart betender Gl\u00e4ubiger maskiert den Altarraum gest\u00fcrmt um krawallartig den Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche, Kyrill I., als \u201eHund\u201c oder \u201eHure\u201c zu verfluchen und die Muttergottes Maria anzurufen, damit sie Putin aus dem Kreml vertreibe. \u2013 Daraufhin wurden einige der Protagonistinnen dieser \u201eKunstaktion\u201c von Sicherheitskr\u00e4ften festgenommen, andere entflohen unerkannt. Der ganze Vorgang wurde mit Kameras aufgezeichnet und ins Internet gestellt. Befragt nach den Motiven f\u00fcr den \u00f6ffentlichkeitswirksamen Auftritt, lautete die Antwort schlicht: \u201eHass auf Putin.\u201c<\/p>\n<p>Verhaftung, Prozess und Verurteilung der Protestgruppe wurden von den westlichen Medien mit gro\u00dfer Aufmerksamkeit bedacht. Ein Dutzend TV-\u00dcbertragungswagen stand w\u00e4hrend der Berufungsverhandlung Mitte Oktober vor dem Moskauer Gericht.<\/p>\n<p>Das US-amerikanische Time Magazine z\u00e4hlt nun Pussy Riot zum Kandidatenkreis f\u00fcr die K\u00fcr zur &quot;Person des Jahres&quot;. &quot;Wann hat das letzte Mal eine Rockband die Welt ver\u00e4ndert&quot;, fragen die Journalisten von Foreign Policy und setzen Pussy Riot auf Platz 16 \u2013 knapp hinter Bundeskanzlerin Angela Merkel \u2013 der Liste der hundert einflussreichsten Menschen der Welt! F\u00fcr die Nominierung zum Friedensnobelpreis kamen die Frauen mit ihrer Aktion zwar um zwei Wochen zu sp\u00e4t, wurden aber nichtsdestotrotz als w\u00fcrdig diskutiert. \u2013 Der Jenaer Jugendpfarrer meinte anl\u00e4sslich des Vorhabens der Stadtgemeinde von Wittenberg, der Punkgruppe den diesj\u00e4hrigen mit 10.000 Euro dotierten \u201eLutherpreis\u201c zu verleihen, Pussy Riot sei eine \u201eIkone der globalen Freiheitsbewegung\u201c\u2026<\/p>\n<p>Warum solches Aufheben von den bis dato unbekannten jungen Frauen? Worin besteht die \u201eBotschaft\u201c des Auftrittes? Der Patriarch sei ein Hund (oder eine Hure) des Staatschefs. Putin soll von der Heiligen Jungfrau aus dem Kreml vertrieben werden. Besonders aufgekl\u00e4rt, sinnvoll oder strategisch impulsgebend klingt das eben gerade nicht. An wen richtete sich das \u201ePunk-Gebet\u201c? An die Heilige Jungfrau. Sie scheint \u2013 au\u00dfer den Westmedien \u2013 dessen einzige Adressatin zu sein. Ist das Feminismus? Wobei anscheinend gar nicht in Betracht gezogen wird, dass die Protagonistinnen explizit die \u201eJungfrauschaft\u201c der \u201eGottesmutter\u201c Maria als Ausdruck von \u201eEmanzipation\u201c verstanden wissen wollen: das wird offenbar mit allen vorauszusetzenden Implikationen einfach gro\u00dfz\u00fcgig (bzw. v\u00f6llig kritik- und gedankenlos) \u00fcbersehen. Welche Alternativen werden beschworen? Keine. Mehr als \u201eHass auf Putin\u201c wurde nicht vorgetragen. Dieser Hass bedarf scheinbar gar keiner genaueren Begr\u00fcndung. \u201eHass auf Putin\u201c scheint sich selbstredend zu erkl\u00e4ren und \u2013 wie von der Jungfrau Maria getragen \u2013 keiner weiteren Erl\u00e4uterung zu bed\u00fcrfen. In diesem Punkt einigt sich der Mittelstand ohne Wenn und Aber.<\/p>\n<p>Und warum nun wegen all dem eine Sonder-Initiative des Internationalen Literaturfestivals Berlin? Normalerweise finden dessen \u201eweltweite\u201c Lesungen immer zum Jahrestag der Politischen L\u00fcge (sic !) am 20. M\u00e4rz statt. Wie begr\u00fcndet das ilb sein Projekt? So: Das ilb habe \u201e\u2026zu einer weltweiten Lesung in Solidarit\u00e4t mit Pussy Riot und den demokratischen Instanzen Russlands am 12. Dezember aufgerufen \u2013 dem Tag, an dem im Jahr 1993 durch eine allgemeine Volksabstimmung die Verfassung der Russischen F\u00f6deration durch die DUMA angenommen wurde.\u201c <\/p>\n<p>Dieser Verlautbarung f\u00fcgt das ilb einen bemerkenswerten Satz hinzu, dessen Verstiegenheit nur schwer zu \u00fcberbieten sein d\u00fcrfte: \u201eNicht Pussy Riot unterl\u00e4uft die Demokratie Russlands, sondern diejenigen, die danach trachten, die Errungenschaften der sanften Revolution zunichte zu machen.\u201c<\/p>\n<p>Allein in diesem Satz steckt so viel geballte Demagogie, dass ein genaueres Hinsehen lohnt: Selbstverst\u00e4ndlich ist die angeblich \u201efeministische\u201c Frauen- und Punk-Gruppe Pussy Riot mit ihren Happenings, so wie irgend eine Art von Kunst oder sonstigem Spektakel, nicht etwas, das irgendwie \u201eDemokratie\u201c unterlaufen oder verst\u00e4rken k\u00f6nnte. Dieser Anspruch, falls ihn die Gruppe vertritt, w\u00e4re positiv oder negativ nur absurd und gr\u00f6\u00dfenwahnsinnig. Andererseits vermag auch ein solcher Auftritt keine gesellschaftspolitischen \u201eErrungenschaften zunichte\u201c machen, wer sollte bzw. k\u00f6nnte dergleichen ihnen vorgeworfen haben? Welche \u201eErrungenschaften\u201c \u00fcbrigens? Die Jelzins etwa? Und wer soll es sein, der solche \u201ezunichte\u201c zu machen unterwegs w\u00e4re? Putin? <\/p>\n<p>Der Berliner Aufruf des Literaturfestivals suggeriert, der Protest der Frauengruppe sei im Einklang mit den \u201edemokratischen Instanzen\u201c Russlands gegen Putin gerichtet, dem demokratische Legitimation somit abgesprochen wird und ein \u201eZunichtemachen\u201c von \u201eErrungenschaften\u201c einer angeblich \u201esanften Revolution\u201c unterstellt. Wir erinnern daran, dass Putin von fast 70% der Bev\u00f6lkerung dieses Riesenlandes mit 144 Millionen Einwohnern in demokratisch korrekt durchgef\u00fchrten Wahlen gew\u00e4hlt wurde, mithin \u00fcber einen Grad an Legitimierung verf\u00fcgt, von dem eine deutsche Kanzlerin allenfalls nur tr\u00e4umen d\u00fcrfte, die gezwungen ist, ihre Regierung auf Koalitionen zu st\u00fctzen \u2013 und mitnichten das von ihr angema\u00dfte Recht beanspruchen sollte, anderen Regierungschefs Lektionen in Menschenrechten zu erteilen, wenn sie doch selbst gegen den mehrheitlichen Willen ihrer eigenen Bev\u00f6lkerung Waffenexporte und -Stationierungen in undemokratischen Staaten rechtfertigen zu k\u00f6nnen glaubt.<\/p>\n<p>Als Freidenker kritisieren wir den Missbrauch des Begriffs der \u201eRevolution\u201c durch die ilb, da eine Revolution neue gesellschaftliche Strukturen errichtet und nicht alte durch Restauration wieder r\u00fcckf\u00fchrt: also es sich folglich allenfalls um eine Konterrevolution handeln k\u00f6nnte, ob man die nun begr\u00fc\u00dft oder nicht. Welche \u201eErrungenschaften\u201c von 1993 h\u00e4tten nun durch Putin \u201ezunichte\u201c gemacht werden k\u00f6nnen? Schlie\u00dflich war es, wie immer man zu ihm stehen mag, Wladimir Putin, der die Russische F\u00f6deration vor weiterem Zerfall und politisch-\u00f6konomischer Schw\u00e4chung, etwa durch autokratische Oligarchen, seither bewahrte. <\/p>\n<p>Bereits am 25. April 2005 allerdings hatte Putin in einer landesweit vom Fernsehen \u00fcbertragenen Rede vor der Duma diese angebliche \u201eRevolution\u201c \u2013 n\u00e4mlich den Zerfall der Sowjetunion \u2013 als \u201edie gr\u00f6\u00dfte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts\u201c bezeichnet. Sp\u00e4ter konkretisierte er, seine Bemerkung diene zur Verdeutlichung der aus diesem Ereignis entstandenen politischen und sozialen Folgen. \u2013 Zu diesen Folgen geh\u00f6ren nicht nur die Kriege in Tschetschenien und Afghanistan, sondern auch in Jugoslawien, im Irak, in Libyen und der B\u00fcrgerkrieg in Syrien\u2026 All diese Unruheherde ruinierten bereits Millionen Menschenleben und bergen gegenw\u00e4rtig ausreichend Gefahren, in einen Dritten Weltkrieg zu eskalieren.<\/p>\n<p>Das Berliner Literaturfestival nun f\u00fchrt auf seiner Homepage zu Pussy Riot weiter aus, diese habe \u201emit ihrer Kunstaktion der Welt gezeigt (\u2026), dass es ein anderes Russland gibt, das sich weder von dieser Kirche, noch von der politisch herrschenden Klasse die Art und Weise ihres Ausdrucks verbieten l\u00e4sst.\u201c<\/p>\n<p>Auch hier schl\u00e4gt die Erl\u00e4uterung des ilb populistisch Purzelb\u00e4ume, indem es nicht nur k\u00fcnstlerische Freiheiten einklagt, die keine sind, und das, wie wir noch sehen werden, auf heuchlerische und offen verlogene Art, sondern es reklamiert das \u201eandere Russland\u201c (so wie man gegen das Deutschland der Hitlerfaschisten vom \u201eanderen Deutschland\u201c der Widerstandsk\u00e4mpfer und Humanisten sprach): stellt also quasi \u201aPutins Russland\u2019 mit dem deutschen Faschismus auf eine Stufe und ignoriert gleichzeitig, dass die ganze Aktion der Gruppe und viele der internationalen Solidarit\u00e4tsbekundungen in Russland bei weiten Teilen der Bev\u00f6lkerung auf v\u00f6lliges Unverst\u00e4ndnis sto\u00dfen und abgelehnt wird.<\/p>\n<p>Warum all das? Was ist der wahre Sinn und Anlass des ganzen Aufwandes? Dar\u00fcber l\u00e4sst uns das ilb kein Bisschen im Unklaren:<\/p>\n<p>\u201eAngesichts der diktatorischen Z\u00fcge des Systems Putin, das u.a. mit dem permanenten Veto im UN-Sicherheitsrat im Bund mit China, zuletzt im Fall Syrien, den Gehalt ihres Demokratie- und Menschenverst\u00e4ndnisses offenbart, ist die Solidarisierung mit Pussy Riot und den zivilgesellschaftlichen Institutionen, die durch neue Gesetze in Russland kriminalisiert werden, eine europ\u00e4ische, eine internationale Notwendigkeit: Schlie\u00dflich geht es um die Verteidigung von elementaren Menschenrechten in einer riesigen Region auf unserem Planeten.\u201c<\/p>\n<p>Das ist ein ganzes B\u00fcndel Sprengstoff in einem \u2013 und wir m\u00f6chten diese Formulierungen als geistige Brandstiftung kennzeichnen. Wer eigentlich ist mit den \u201edemokratischen, zivilrechtlichen Instanzen Russlands\u201c gemeint? Putin hatte im Juli 2012, also Monate nach dem Happening von Pussy Riot, die B\u00fcros von NGOs, die mit ausl\u00e4ndischen Geldern operieren, als Aktionspodien zersetzender T\u00e4tigkeiten bishin zu Spionage in Moskau schlie\u00dfen bzw. kontrollieren lassen, um mehrmals j\u00e4hrlich Rechenschaft \u00fcber die Verwendung fremder F\u00f6rdermittel einzuholen. Zuwiderhandlungen sollen mit Geld &#8211; oder gar Freiheitsstrafen geahndet werden. Doch abgesehen davon, dass das Internationale Literaturfestival Berlin sich zum Interessenvertreter \u201eunseres\u201c Planeten aufwirft und dabei auf eine \u201eriesige Region\u201c abzielt, die, mit all ihren gigantischen Ressourcen, offensichtlich noch nicht unter den Zugriffen der westlichen M\u00e4chte, insbesondere der USA, aufgeteilt ist, wird hier \u2013 obendrein schamlos im Namen der \u201eelementaren Menschenrechte\u201c \u2013 die wahre Zielrichtung des Ganzen unmissverst\u00e4ndlich beim Namen genannt: man will den Krieg in Syrien. Als \u201ediktatorisch\u201c gilt es in solcher Sichtweise folglich, sich gegen Kriegstreiberei zu wenden. Das ist der ausdr\u00fccklich benannte, einzig ersichtliche und somit der zentrale Grund.<\/p>\n<p>Denn, so Rainer Rupp am 03.08. in der Jungen Welt, \u201eseit Wladimir Putin Anfang des Jahres wieder das Amt des russischen Pr\u00e4sidenten \u00fcbernommen hat, hat er keine Minute verloren, um eine weitere Zuspitzung der Lage in Syrien zu verhindern, die durch westliches Abenteurertum und Fehlkalkulation in einen, die ganze Region erfassenden Fl\u00e4chenkrieg eskalieren kann. Auf der Suche nach einer friedlichen L\u00f6sung betrieb der Kreml-Chef in den vergangenen Wochen eine umfassende pers\u00f6nliche Diplomatie mit der syrischen Regierung, aber auch mit der sogenannten Opposition, dem haupts\u00e4chlich aus westlichen Exilanten bestehenden \u00bbSyrischen Nationalrat\u00ab. Er f\u00fchrte Gespr\u00e4che mit dem religi\u00f6sen Erdogan-Regime in Ankara, dessen Tr\u00e4ume, die T\u00fcrkei in einen Energieknotenpunkt f\u00fcr Westeuropa zu verwandeln, von Russlands Kooperation abh\u00e4ngen; er verhandelte mit US-Pr\u00e4sident Barak Obama hinter verschlossenen T\u00fcren und forderte bei seinem Besuch in Israel Ministerpr\u00e4sident Benjamin Netanjahu zur M\u00e4\u00dfigung auf. Das alles mit dem Ziel, eine milit\u00e4rische Intervention zum Regimewechsel in Syrien und das dann im gesamten Nahen Osten folgende Chaos zu verhindern. Zugleich flankierte Putin seine diplomatischen Bem\u00fchungen mit entschlossenen Ma\u00dfnahmen.\u201c <\/p>\n<p>Au\u00dfenminister Guido Westerwelle (FDP) hatte die deutsche Marschrichtung auf einen \u00bbregime change\u00ab in Syrien in einem Welt-Interview deutlich gemacht: \u00bbWie im Jemen k\u00f6nnte \u2013 bei allen Schwierigkeiten, die wir dort sehen \u2013 die Macht auf einen \u00dcbergangspr\u00e4sidenten \u00fcbergehen, der einen Neuanfang organisieren m\u00fcsste.\u00ab <\/p>\n<p>Gegen einen Milit\u00e4reinsatz seitens der westlichen M\u00e4chte h\u00e4lt Putin seine Warnung: \u00bbMan darf nichts mit Gewalt bewirken.\u00ab Eine politische L\u00f6sung sei \u00bbm\u00f6glich\u00ab, erfordere aber \u00bbGeduld\u00ab. Russlands EU-Botschafter Vitali Tschichow erkl\u00e4rte, Moskau f\u00fchle sich \u00bbungut\u00ab an die Situation von 1999 erinnert, als der Westen ohne UN-Mandat Jugoslawien bombardierte.<\/p>\n<p><b>Das Timing von Pussy Riot h\u00e4tte kaum perfekter sein k\u00f6nnen.<\/b><\/p>\n<p>Das also sind die wahren Hintergr\u00fcnde f\u00fcr die \u00fcberraschende Anteilnahme der westlichen Welt am Schicksal junger K\u00fcnstlerinnen in Moskau und eines ihrer wirren Happenings. Das Berliner Literaturfestival aber f\u00fchrt des Weiteren aus: \u201eIn den letzten Wochen und Monaten hat die russische Justiz die Chance vertan, die infame Strafverfolgung von Pussy Riot zu beenden. Nicht nur das Urteil der ersten Instanz und der Revision, sondern auch die Tatsache, dass ein Prozess gegen friedlich protestierende K\u00fcnstlerInnen gef\u00fchrt wurde, ist ein Skandal.\u201c <\/p>\n<p>Auch hier sollten Fragen angebracht sein, die von den b\u00fcrgerlichen Mainstream-Medien allerdings kaum gestellt werden: Inwiefern soll die Strafverfolgung von Pussy Riot \u201einfam\u201c und die \u201eTatsache, dass ein Prozess gegen friedlich protestierende K\u00fcnstlerInnen gef\u00fchrt wurde\u201c ein \u201eSkandal\u201c sein? Was \u00fcberhaupt wird den Frauen vorgeworfen? Schlechte Kunst? Bel\u00e4stigung? Kritik an Putin? Protest und Opposition? Beleidigung des Patriarchen? Was h\u00e4tte der Staat stattdessen tun sollen? <\/p>\n<p>Den Frauen wird Hausfriedensbruch, St\u00f6rung eines \u00f6ffentlichen religi\u00f6sen Raums und unbotm\u00e4\u00dfiges Verhalten vorgeworfen, Blasphemie, Randale. Es ist kein \u00fcberraschender Vorwurf. Im \u00dcbrigen emp\u00f6rt sich das ilb \u00fcber einen Straftatbestand, der in Berlin ganz genauso gegeben w\u00e4re \u2013 und zuf\u00e4lligerweise gegeben war: &quot;Wer den Gottesdienst oder eine gottesdienstliche Handlung einer im Inland bestehenden Kirche oder anderen Religionsgesellschaft absichtlich und in grober Weise st\u00f6rt oder an einem Ort, der dem Gottesdienst einer solchen Religionsgesellschaft gewidmet ist, beschimpfenden Unfug ver\u00fcbt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu 3 Jahren, oder mit Geldstrafe bestraft.&quot; Das ist das Argument des in der Bundesrepublik geltenden \u00a7 167 StGB, das den Text des Berliner Literaturfestivals eindeutig als L\u00fcge und Heuchelei entlarvt. Aber dieses dr\u00f6hnt vollmundig: \u201eEr ist signifikant f\u00fcr das System Putin, dass ganze Generationen k\u00fcnstlerisch, kulturell und zivilgesellschaftlich mundtot gemacht werden und in dem Menschenrechtsverletzungen, sowie das teils gewaltsame Vorgehen gegen die Opposition zunehmen.\u201c \u2013 Immerhin mussten erst im Jahr 2005 wegen Randale in der Berliner St.-Hedwigs-Kathedrale und in der Marienkirche Andreas Roy f\u00fcr 17 Monate hinter Gitter, Christian Arnhold f\u00fcr 10 Monate. Nicht genug damit, \u201eam Sonntagmorgen, dem 19. August, st\u00f6rte eine maskierte Gruppe von drei Sympathisanten den Gottesdienst im K\u00f6lner Dom. Zu Beginn des Hochgebetes st\u00fcrmten sie nach Darstellung von Besuchern mit bunten Kost\u00fcmen in Richtung Altar. Mit gebetsartigen Gesten und lauten Parolen versuchten sie, die Eucharistiefeier zu unterbrechen. Von Sicherheitskr\u00e4ften hinausgedr\u00e4ngt, setzten die drei Demonstranten vor dem Hauptportal des Doms ihre Protestaktion mit einem Transparent \u00abFree Pussy Riot\u00bb fort. Wie die K\u00f6lner Polizei auf Anfrage mitteilte, wurde gegen die drei St\u00f6rer Strafanzeige wegen Versto\u00dfes gegen das Versammlungsgesetz, Hausfriedensbruch und wegen St\u00f6rung der Religionsaus\u00fcbung gestellt. Au\u00dferdem wurden drei Platzverweise erteilt\u201c (Quelle: das unabh\u00e4ngige, katholische, \u00f6sterreichische Internetmagazin KATH.NET). <\/p>\n<p>W\u00e4re das Literaturfestival Berlin auch nur im geringsten an den vorgebrachten Punkten zu Pussy Riot interessiert, m\u00fcsste es selbstverst\u00e4ndlich ohne Umst\u00e4nde die drei K\u00f6lner Demonstranten in ihre Solidarit\u00e4tsaktion einbeziehen und sich mit nicht geringerer Vehemenz und politischer Sch\u00e4rfe auch gegen deren strafrechtliche Verfolgung und Verurteilung \u2013 sowie f\u00fcr die Freiheit ihres \u201efriedlichen Protestes\u201c einsetzen, dessen Ausdruck sie sich weder von Staat noch Kirche verbieten und \u201emundtot\u201c machen lassen w\u00fcrden. Doch davon kann so wenig eine Rede sein, wie von einem Interesse des ilb an irgendwelchen Fragen nach den \u201eelementaren Menschenrechten\u201c au\u00dferhalb jener \u201eriesigen Regionen unseres Planeten\u201c, wo die Hegemonialmacht der USA noch nicht errichtet ist. Interessanterweise sind die L\u00e4nder, f\u00fcr die sich das ilb interessiert, just jene L\u00e4nder, f\u00fcr die sich das Pentagon interessiert: Afghanistan, Irak, Iran usw. Die \u201ediktatorischen Z\u00fcge\u201c des Systems Berlusconi in Italien standen jedenfalls nie auf dem Veranstaltungsplan des ilb, geschweige denn die \u201ediktatorischen Z\u00fcge\u201c des Systems Br\u00fcssel und das daraus folgende Elend der V\u00f6lker etwa von Griechenland, Portugal und Spanien\u2026<\/p>\n<p>Als die deutsche Kanzlerin Merkel (CDU) just am 9. November (!) vor der Presse in Moskau das Strafma\u00df der Mitglieder von \u00bbPussy Riot\u00ab bem\u00e4ngelte, und meinte, ein Auftritt wie der der russischen Gruppe in einer Kirche w\u00fcrde auch in Deutschland \u00bbDiskussionen\u00ab hervorrufen, \u00bbaber dass man daf\u00fcr zwei Jahre ins Straflager muss, das w\u00e4re in Deutschland nicht passiert\u00ab, wurde von Putin mit dem Hinweis zurecht gewiesen, dass eine der Frauen zuvor an einer antisemitischen Aktion teilgenommen hatte. \u00bbWir und ich k\u00f6nnen keine Leute unterst\u00fctzen, die antisemitische Positionen zur Schau stellen\u00ab, sagte Putin. Er erkundigte sich, ob Merkel wisse, \u00bbdass eine dieser Frauen vor dieser Aktion eine Judenpuppe aufgeh\u00e4ngt und erkl\u00e4rt hatte, von solchen Menschen m\u00fcsse man sich befreien.\u00ab<\/p>\n<p>Was sagt das ilb dazu? Nichts. Antisemitismus ist offenbar kein Thema, wahrheitsgem\u00e4\u00dfe Information sowieso nicht. Die aggressive Geladenheit der symbolischen Aktion voll puren rassistischen Hasses scheint dem Literaturfestival schnuppe zu sein. <\/p>\n<p>Indessen die USA an drei Kriegsschaupl\u00e4tzen auf anderen Kontinenten zugange sind, sie mit Guantanamo eines der skandal\u00f6sesten au\u00dferjuristischen Foltergef\u00e4ngnisse der Welt unterhalten und mit der neuesten Teufelswaffe unserer Epoche, den unbemannten Drohnen, bereits an die 4000 Menschenleben ausl\u00f6schten, solidarisiert sich in braver Gefolgschaft zu deren Hegemonialpresse die Mittelklasse der Westlichen wei\u00dfen Welt mit der absurden und ver\u00e4chtlichen Aktion einer Girl-Punk-Group. <\/p>\n<p>Was denn sagt ein ilb zur Inhaftierung von Demonstranten gegen den US-amerikanischen Einsatz von Drohnen bei der Air Force (siehe <a href=\"http:\/\/www.commondreams.org\/headline\/2012\/11\/29\" target=\"_blank\">http:\/\/www.commondreams.org\/headline\/2012\/11\/29<\/a>)? Es sagt: Nichts. Denn es interessiert sich nicht f\u00fcr Inhalte, nicht f\u00fcr Pussy Riot, es interessiert sich nur f\u00fcr die Stossrichtung der westlichen Machtinteressen, all jener begehrlichen Kr\u00e4fte, denen eine Destabilisierung Russlands nach Art Wei\u00dfrusslands, Afghanistans oder Vorderasiens Aussichten auf lukrativen Zugriff auf dessen Ressourcen und M\u00e4rkte versprechen w\u00fcrde. Und daf\u00fcr bedient es sich Pussy Riot, denn diese lassen sich m\u00fchelos und ohne beschwerliche Sinnorientierung zum Idol stilisieren. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Verurteilten, bei vermindertem Strafma\u00df, es gab auch eine Begnadigung, ihre Haft absitzen, laufen PR und Marketing der Gruppe weltweit auf vollen Touren. Autorisiert oder nicht, werden Artikel, B\u00fccher, CDs, DVDs auf den Markt geworfen, auch in Deutschland. Der Nautilus-Verlag ist sich nicht zu schade, eine entsprechend unangestrengt zusammen geschusterte Montage zu publizieren. Selbst Madonna verkauft T-Shirts, 19.95 $ pro St\u00fcck, deren Erl\u00f6s Pussy Riot \u00fcberwiesen werden soll. <\/p>\n<p>Freilich werden im Interesse rechter Kr\u00e4fte pseudo-linke, antiautorit\u00e4re Imagos recht banal und leicht bedient: romantisches Revoluzzertum, die attraktiven Gesichter der trotzig dreinblickenden jungen Frauen mit ihren Schmollm\u00fcndchen sind ein gefundenes Fressen f\u00fcr ihre geschickte Apotheose als sexy \u201eKunst\u201c-Rebellinnen, die mit ihren Muschis \u201eprovozieren\u201c (in Wahrheit aber kleinb\u00fcrgerliche Ehen f\u00fchren und modische T-Shirts aus dem Westen konform zur Schau tragen): Einzelk\u00e4mpferinnen gegen den skrupellos autorit\u00e4ren \u201eDiktator\u201c einer milit\u00e4rischen Gro\u00dfmacht. Diffuse Anarchogef\u00fchle und das Punk-Image mischen sich zu einer kritikfreien Projektionsfl\u00e4che, f\u00fcr die freilich Nachdenklichkeit nicht weiter erforderlich ist. Dass hinter diesen Mechanismen neoliberale Ideologien und eine aggressive, geradezu faschistische Kampagne stehen, bleibt der Mehrheit unklar. Im Zerrbild \u201ePutin\u201c gerinnen Klischees vom finsteren Bojarenreich, Stalind\u00e4monisierung und KGB zum per se inhumanen Machtmonster. Seine Friedensbem\u00fchungen global zu verdunkeln, ist Sinn und Zweck der Kampagne: Rechtfertigung milit\u00e4rischer Aktionen gegen Syrien \u2013 und Folgende. <\/p>\n<p>\u201eInhaftierte Feministinnen im NATO-Partnerland T\u00fcrkei w\u00fcrden sich schon \u00fcber halb so viel Aufmerksamkeit freuen\u201c (Claudia Wangerin)<i>.<\/i> \u2013 Doch das Reden von Pussy Riot ist eindeutig und entschieden das in der Tat signifikante, ja, infame Schweigen \u00fcber die Julian Assange oder Bradley Manning, deren Handeln im Interesse globaler Menschenrechte durch Entzug der mindesten demokratischen B\u00fcrgerrechte geahndet wird. Assange schwebt in Lebensgefahr. Manning wird gefoltert und unter menschenunw\u00fcrdigen Bedingungen in Haft gehalten. Beide waren f\u00fcr den Friedensnobelpreis nominiert. Beide haben millionenfach brutale Verst\u00f6\u00dfe der US-Army gegen die elementarste Menschlichkeit und das sog. Kriegsrecht aufgedeckt, Informationen \u00fcber Verbrechen, zynisch kommentiert, die kriegspropagandistische Demagogie entlarven und erschweren. Beide, Assange und Manning, sind zu weltweit beachteten Helden geworden, die den Dienst an Aufkl\u00e4rung und Humanit\u00e4t f\u00fcr wichtiger hielten, als pers\u00f6nliche Vorteile und private Unversehrtheit. Ihnen geb\u00fchrt unser Respekt und ihrem Tun unsere Aufmerksamkeit. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Olaf Br\u00fchl (3. Dez. 2012), Berliner FreiDenker Mit gro\u00dfem Erstaunen und Befremden haben die Berliner FreiDenker zur Kenntnis genommen, dass das Internationale Literaturfestival Berlin (ilb) mehrere Veranstaltungen im Zusammenhang mit den Solidarit\u00e4ts-Kampagnen f\u00fcr die weibliche Moskauer Punk-Gruppe \u201ePussy Riot\u201c (Muschi-Krawall) organisiert. Zu den Teilnehmern am 12. 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