{"id":2240,"date":"2016-06-17T18:58:46","date_gmt":"2016-06-17T16:58:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.berlin.freidenker.org\/?p=2240"},"modified":"2023-10-09T11:36:19","modified_gmt":"2023-10-09T09:36:19","slug":"marktkonforme-humanisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.berlin.freidenker.org\/?p=2240","title":{"rendered":"Marktkonforme Humanisten?"},"content":{"rendered":"<p>Meine Begriffsbildungen &#8222;marktkonforme Humanisten&#8220; oder &#8222;marktkonformer Humanismus&#8220; lehnen sich an die Erfindung der &#8222;marktkonformen Demokratie&#8220; an. Diese geht offenbar auf die Kanzlerin zur\u00fcck, die sich 2011 in diesem Sinne \u00e4u\u00dferte und zwar mit der folgenden gewundenen (merkeltypischen) Formulierung:<em> &#8222;Insofern werden wir Wege finden, die parlamentarische Mitbestimmung so zu gestalten, dass sie trotzdem auch marktkonform ist, also dass sich auf den M\u00e4rkten die entsprechenden Signale ergeben.&#8220; (<a href=\"https:\/\/www.bundesregierung.de\/ContentArchiv\/DE\/Archiv17\/Mitschrift\/Pressekonferenzen\/2011\/09\/2011-09-01-merkel-coelho.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Quelle<\/a>).\u00a0<\/em>Wer in dieser Art schwurbelt, kann sich &#8218;rausreden, wenn er &#8222;erwischt wird&#8220;.\u00a0Das &#8218;Rausreden f\u00fchrt <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/harte-bretter\/marktkonforme-demokratie-oder-demokratiekonformer-markt-11712359.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">in der FAZ <\/a>\u00a0ein Merkelverteidiger vor. <a href=\"http:\/\/www.gegenblende.de\/++co++4ee4ac78-c229-11e2-9bd7-52540066f352\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hier<\/a>\u00a0dagegen\u00a0kl\u00e4rt\u00a0jemand dar\u00fcber auf, welcher Sprengstoff in Merkels Statement wirklich steckt.<\/p>\n<p>Es geht um den <strong>neoliberalen Durchmarsch<\/strong>. Der Begriff <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Neoliberalismus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8222;Neoliberalismus&#8220;<\/a>\u00a0enth\u00e4lt zwar heterogene (darunter apologetische) Elemente und wird heute\u00a0fast\u00a0inflation\u00e4r gebraucht, zentral bleiben dennoch die Bedeutungen &#8222;Marktradikalismus&#8220; oder &#8222;Marktfundamentalismus&#8220; (mit Marschrichtung &#8222;Marktterrorismus&#8220;). \u00a0Auch dieses sind verh\u00fcllende Begriffe. Sie stehen f\u00fcr eine <strong>historisch neue Qualit\u00e4t der Marktsteuerung<\/strong> im Interesse extremer (auch neuartiger) Sonderprofite und von Machterhalt und -steigerung des Konglomerats der &#8222;unverzichtbaren&#8220; transatlantischen Imperialisten-Oligarchen. Heute gilt dar\u00fcber hinaus: Dieser Kerninhalt wird zunehmend ausgeformt zum <strong>strategischen Konzept der totalen Zurichtung ALLER Strukturelemente der Gesellschaft.<\/strong>\u00a0Das Konzept wird anscheinend gleichzeitig\u00a0entwickelt, erprobt und kontinuierlich verwirklicht.<\/p>\n<p>Ich bin k\u00fcrzlich bei der kritischen Betrachtung der Friedensbewegung darauf gesto\u00dfen, dass ihre beschr\u00e4nkte Ausstrahlungskraft und Mobilisierungsf\u00e4higkeit nicht zuletzt in einer <a href=\"https:\/\/opablog.net\/2016\/05\/18\/ihr-dilemma-sie-sind-friedensbewegt-neoliberal\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Selbstfesselung durch die \u00dcbernahme neoliberaler Positionen<\/a> wurzelt. Zwar folgen keineswegs alle Friedensbewegten dieser Anpassung, viele ihrer namhaften, markanten Pers\u00f6nlichkeiten, die oft Einflusspositionen einnehmen, tun es aber umso bereitwilliger. Von meiner Feststellung f\u00fchlte sich Otmar Steinbicker aus Aachen pers\u00f6nlich angesprochen.<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/groups\/1179726015372318\/permalink\/1260412303970355\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> Seine Entgegnung<\/a>, ebenso die \u00c4u\u00dferungen Einiger, die ihm beipflichten, ist knapp gehalten. Sie erscheint mir bemerkenswert halbherzig. Da geht jemand zum Neoliberalen auf Distanz (zumindest tut er so) aber er scheint nicht recht zu wissen (oder wissen zu wollen), warum er das tut, was er da tut.<\/p>\n<p><strong>Neoliberalismus als ALLE Bereiche der Gesellschaft zersetzendes Ph\u00e4nomen<\/strong> <strong>wird bemerkenswert wenig reflektiert. Warum?<\/strong><\/p>\n<p>Ein voller Sieg neoliberaler Konformit\u00e4t auf philosophisch-ideologischer Ebene war\u00a0k\u00fcrzlich bei der vom Humanistischen Verband Deutschlands in Zusammenarbeit mit dem Berliner Senat ausgerichteten <strong>Konferenz <a href=\"http:\/\/hvd-bb.de\/node\/1880\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8222;Frieden und Orientierung &#8211; Humanistische Beitr\u00e4ge zur offenen Gesellschaft&#8220;<\/a>\u00a0<\/strong>zu beobachten. Neben Anderen referierte der <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-62781318.html\">namhafte<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/gesundheit\/psychologie\/gelassenheit-die-sinne-sind-wichtiger-als-das-denken-a-1049660.html\">namhafte<\/a>\u00a0Lebenskunst-Philosoph\u00a0<a href=\"http:\/\/www.lebenskunstphilosophie.de\/\">Wilhelm Schmid<\/a> (Universit\u00e4t Erfurt); \u00fcber &#8222;Lebenskunst und integrative Gesellschaft&#8220;.<\/p>\n<p>Einschl\u00e4gige Problemfelder, die geringeren Geistern erhebliches Kopfzerbrechen bereiten, schob Prof. Schmid recht unbek\u00fcmmert vom Tisch: Kapitalismus? Das sei, sich mit &#8222;einer Ausrede&#8220; zu besch\u00e4ftigen. Nation? Das sei &#8222;Flucht vor Verantwortung&#8220;. So schlug sich Schmid mit derben Hieben durch das verhasste Unterholz des &#8222;Parteipolitischen&#8220;, um in luftiger philosophischer H\u00f6he seine Lebenskunst zu verankern.<\/p>\n<p>Je abstrakter, umso besser l\u00e4sst sich betr\u00fcgen \u00a0&#8211; praktiziert die Kirche seit Jahrhunderten. Schmid sprach aber nur wenig Latein: Eine volle Breitseite richtete er gegen die <strong>&#8222;Identit\u00e4t&#8220;<\/strong>. Das sei ein v\u00f6llig untauglicher Begriff f\u00fcr die Begr\u00fcndung der menschlichen Lebenskunst. Ein wahrer Antibegriff, denn er behaupte das Feste, das Immergleiche, das Tote. Er behaupte das, was es gar nicht gibt. Schmid verk\u00fcndete den wahren, den erl\u00f6senden Begriff: <strong>&#8222;Integrit\u00e4t&#8220;<\/strong>. Der sei auf ALLE Facetten des Lebens gerichtet und erfasse die tausendfachen (m\u00f6glichst bewussten) Bem\u00fchungen des Individuums, in sich die Vielfalt aller Lebensmomente bestm\u00f6glich zu vereinigen. Das aber k\u00f6nne und d\u00fcrfe <strong>&#8222;nicht gelingen&#8220;.<\/strong><\/p>\n<p>Lebenskunst also, nach dem neoliberalen Philosophen, ersch\u00f6pft sich in einer Art &#8222;lebenslangen integrierenden Strampelns&#8220; des Individuums, das um Gottes willen, nie eine Identit\u00e4t erlangen m\u00f6ge und also auch niemals den ihm vorgegebenen Verh\u00e4ltnissen als Subjekt gegen\u00fcber tritt.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist nichts einzuwenden gegen die Betrachtung des sogenannten &#8222;Integrierens&#8220;. Im Gegenteil, die Prozesse des Austauschs in der Gesellschaft, ihr Stoffwechselprozess mit der Natur und all das vermittelt \u00fcber die T\u00e4tigkeit gesellschaftlicher Individuen und sozialer Einheiten, m\u00fcssen analysiert und begriffen werden. Die Crux des Herrn Professor liegt in der Leugnung von Identit\u00e4ts-Fixpunkten im gesellschaftlichen Gewebe. Sie liegt letztlich darin, zu bestreiten, dass menschliche (organisierte) Subjekte das imponierende Chaos des heute alles durchwuchernden Profitstrebens beenden und ihren gesellschaftlichen Stoffwechselprozess nach menschlichen Ma\u00dfen gestalten k\u00f6nnten. Die &#8222;theoretische Begr\u00fcndung&#8220; dieser Lehre steht und f\u00e4llt mit der Auffassung der Identit\u00e4t. Schmid scheint nur die &#8222;schlechte&#8220;, &#8222;leere&#8220;, tote zu kennen. Weg damit!\u00a0<strong>Identit\u00e4t, die ihr Anderes in sich tr\u00e4gt<\/strong>, scheint au\u00dferhalb seiner Vorstellungswelt zu liegen. <strong>Identit\u00e4t als Kulminationpunkt von Dynamik?<\/strong> Nie geh\u00f6rt, nie gesehen, nie gedacht. 2000 Jahre Dialektik und 200 Jahre moderne Dialektik existieren nicht.<\/p>\n<p>Die philosophischen Setzungen des Professors erfuhren im Auditorium der mehr als hundert Interessierten keinen Widerspruch. Dankbar wurden einige &#8222;Scherze mit tieferer Bedeutung&#8220; aus dem Werkzeugkasten des erfolgreichen Unidozenten aufgenommen. Mein Einwurf, dass die gewiss komplexe Lehre von der Lebenskunst sich um einen Basiswert k\u00fcmmern m\u00fcsse &#8211; die Sicherung der Existenz des Lebens &#8211; und dass die aggressiven Akte der NATO gegen Russland (ich erw\u00e4hnte die j\u00fcngste Raketenstationierung in Rum\u00e4nien) genau diese Voraussetzung aller Lebenskunst gef\u00e4hrden, riefen den heftigsten Unmut von Wilhelm Schmid und seine strikte Zur\u00fcckweisung solcher &#8222;platten Parteipolitik&#8220; hervor.<\/p>\n<p>Seine Erhabenheit \u00fcber Parteipolitik hinderte ihn nicht, Deutschland (f\u00fcr weltmeisterliche Export- und Fu\u00dfballleistungen bekannt) zur &#8222;selbstkritischsten Gesellschaft der Welt&#8220; zu erkl\u00e4ren. Von gleichartiger Qualit\u00e4t die wiederholte Behauptung, dass der Westen, dass Deutschland\u00a0Protagonisten der\u00a0\u00a0&#8222;Offenen Gesellschaft&#8220; seien.<strong>*\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Das Auditorium zeigte sich nicht begierig, die Thematik zu vertiefen, desgleichen die\u00a0Podiumsleitung, die jetzt abrupt und \u00fcberp\u00fcnktlich einen Schlusspunkt setzte.<\/p>\n<p>Fazit: Das Thema nannte sich &#8222;Frieden und Orientierung&#8220;, und zuletzt hatte ich das Gef\u00fchl, im Waggon erster Klasse unter Schlafwandlern zu sitzen. Die Konferenz erstreckte sich \u00fcber einen ganzen Tag, und manche Aussagen anderer Vortragender aber auch Gespr\u00e4che am Rande wirkten dem erw\u00e4hnten Gef\u00fchl \u00a0entgegen.<\/p>\n<p>Mein oben formulierter Satz: &#8222;<strong>Neoliberalismus als ALLE Bereiche der Gesellschaft zersetzendes Ph\u00e4nomen<\/strong> <strong>wird bemerkenswert wenig reflektiert&#8220;<\/strong> geh\u00f6rt zum Fazit. Das Wie und\u00a0Warum sollte unsereins weiter besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Begriffsbildungen &#8222;marktkonforme Humanisten&#8220; oder &#8222;marktkonformer Humanismus&#8220; lehnen sich an die Erfindung der &#8222;marktkonformen Demokratie&#8220; an. Diese geht offenbar auf die Kanzlerin zur\u00fcck, die sich 2011 in diesem Sinne \u00e4u\u00dferte und zwar mit der folgenden gewundenen (merkeltypischen) Formulierung: &#8222;Insofern werden wir Wege finden, die parlamentarische Mitbestimmung so zu gestalten, dass sie trotzdem auch marktkonform ist, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[27,49,30,22,45,19,47,175,21],"tags":[214,216,215,217],"class_list":["post-2240","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeiterfotografie","category-aufklaerung","category-europa","category-friedensaktionen","category-friedensbewegung","category-kultur","category-nation","category-nato","category-politik","tag-hvd","tag-lebenskunst","tag-lumix-fotojournalismus","tag-philosophie"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/py5dN-A8","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.berlin.freidenker.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2240","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.berlin.freidenker.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.berlin.freidenker.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.berlin.freidenker.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.berlin.freidenker.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2240"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.berlin.freidenker.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2240\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6502,"href":"https:\/\/www.berlin.freidenker.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2240\/revisions\/6502"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.berlin.freidenker.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2240"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.berlin.freidenker.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2240"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.berlin.freidenker.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2240"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}