{"id":3434,"date":"2017-02-19T09:12:22","date_gmt":"2017-02-19T07:12:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.berlin.freidenker.org\/?p=3434"},"modified":"2017-02-19T09:12:22","modified_gmt":"2017-02-19T07:12:22","slug":"die-frankfurter-schule-solidaritaet-mit-den-quaelbaren-koerpern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.berlin.freidenker.org\/?p=3434","title":{"rendered":"Die Frankfurter Schule: Solidarit\u00e4t mit den qu\u00e4lbaren K\u00f6rpern"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\">In Weiterf\u00fchrung der Diskussion unserer Freidenker-Gespr\u00e4chsrunde vom <a href=\"https:\/\/www.berlin.freidenker.org\/?p=3264\" target=\"_blank\">9. Februar 2017<\/a> mit Susann Witt-Stahl und zur inhaltlichen Vertiefung ver\u00f6ffentlichen wir als Gastbeitrag den folgenden<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Aufsatz von Susann Witt-Stahl:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"grtext\"><em>Nicht das Leiden der Tiere, sondern das der Menschen und ihr &#8222;besch\u00e4digtes Leben&#8220; in der inhumanen kapitalistischen Industriegesellschaft stand im Mittelpunkt der philosophischen \u00dcberlegungen der Frankfurter Schule. <\/em><br \/>\n<em>Dennoch: Die Greultaten an den Tieren, begangen von einer &#8222;falschen Gesellschaft&#8220;, die f\u00fcr ihre funktionale Wissenschaft &#8222;Opfertiere massakriert&#8230;, die verkannt als blo\u00dfes Exemplar durch die Passion des Laboratoriums&#8220; gehen, sind ein immer wiederkehrendes Motiv in den Werken der Philosophen der Frankfurter Schule. <\/em><br \/>\n<em>Aus diesem Kreis von Philosophen, Soziologen und Politologen ging in den 20er Jahren die Kritische Theorie hervor. Ihre Protagonisten Theodor W. Adorno (1903-1969) und Max Horkheimer (1895-1973) begr\u00fcndeten keine Denkschule nach traditionellem Muster mit festgesetzter programmatischer Ausrichtung. Sie hinterlie\u00dfen keine ausformulierte Moralphilosophie, keine affirmative Ethik, kein zeitloses Konzept &#8222;richtigen Handelns&#8220;, sondern wagten den Versuch einer Gegenwartsdiagnose und -kritik auf der Basis einer Theorie \u00fcber herrschende Machtinteressen und manipulierte Bewu\u00dftseinsinhalte in der verwalteten Welt. Sie betrieben die Decodierung der Zeichen einer mi\u00dflungenen Gesellschaft, die den Blickkontakt mit den Opfern ihres selbst produzierten Grauens scheut, sich ihren eigenen Schrecknissen nicht stellen will. &#8222;Anstatt Fl\u00fcsse zu kanalisieren, lenkt sie den Menschenstrom in das Bett ihrer Sch\u00fctzengr\u00e4ben, anstatt Saaten aus den Aeroplanen zu streuen, streut sie Brandbomben \u00fcber die St\u00e4dte hin. Ihre Selbstentfremdung hat jenen Grad erreicht, der sie ihre eigene Vernichtung als \u00e4sthetischen Genu\u00df ersten Ranges erleben l\u00e4\u00dft&#8220;, schrieb Walter Benjamin 1936. Die schrecklichsten Opfer bringen immer die Tiere. Adorno und Horkheimer in der Dialektik der Aufkl\u00e4rung: &#8222;Sie bilden in Afrika, der letzten Erde, die ihre armen Herden vor der Zivilisation vergeblich sch\u00fctzen wollte, ein Verkehrshindernis f\u00fcr die Landung der Bomber im neuesten Krieg. Sie werden abgeschafft.&#8220; <\/em><br \/>\n<em>Die &#8222;Bedingung aller Wahrheit&#8220; war f\u00fcr Adorno &#8222;das Leiden beredt werden zu lassen&#8220;.<\/em><\/p>\n<p class=\"grtext\"><!--more--><\/p>\n<p class=\"grtext\"><em> Im Leiden sind Menschen und Tiere vereint und getrennt. <\/em><br \/>\n<em>Horkheimer und Adorno betrachteten Mensch und Tier als Einheit, denn in &#8222;der Tierseele sind die einzelnen Gef\u00fchle und Bed\u00fcrftigkeiten des Menschen, ja die Elemente des Geistes angelegt.&#8220; Sie weigerten sich auch, die Erniedrigung des Menschen losgel\u00f6st von der der Tiere zu behandeln. Die &#8222;M\u00f6glichkeit des Pogroms&#8220;, so Adorno in seinem Aphorismus Menschen sehen dich an, wird in dem Augenblick entschieden, &#8222;in dem das Auge eines t\u00f6dlich verwundeten Tiers den Menschen trifft. Der Trotz, mit dem er diesen Blick von sich schiebt &#8211; &#8218;es ist ja blo\u00df ein Tier&#8216; &#8211; , wiederholt sich in den Grausamkeiten an Menschen, in denen die T\u00e4ter das &#8217;nur ein Tier&#8216; immer wieder sich best\u00e4tigen m\u00fcssen, weil sie es schon am Tier nie ganz glauben konnten.&#8220; <\/em><br \/>\n<em>F\u00fcgt man die Schilderungen der grausamen Instrumentalisierung von Menschen und Tieren zusammen mit der Analyse der wirkm\u00e4chtigen Prinzipien, die Natur &#8222;disqualifiziert&#8220; haben und &#8222;zum chaotischen Stoff blo\u00dfer Einteilung&#8220; verkommen lie\u00dfen, mit der Kritik am blinden technologischen Optimismus, an der &#8222;verdinglichenden Wissenschaft&#8220; an der Gesellschaft von Unfreien, die irrational hinnimmt, &#8222;was der Fall ist&#8220;, so kristallisiert sich eine Moral der Betroffenheit durch das Leiden anderer heraus. Dabei bestimmt Adorno das moralische Verhalten der Betroffenheit negativ als Mindestbedingung (Minima Moralia): Es soll alles unterlassen werden, was verhinderbares Unrecht, Leiden erzeugen k\u00f6nnte. Basis eines &#8222;richtigen Handelns&#8220; ist die Einsicht des Scheiterns der bisherigen soziokulturellen Evolution. Diese ist durch eine verfehlte Individuation der Menschen ausschlie\u00dflich auf der Grundlage der Selbsterhaltung und somit auf die Nichtachtung des Leidens der anderen gekennzeichnet. Das Leiden ist das untr\u00fcgliche Zeichen des Tributs, der dem ungez\u00fcgelten Trieb zur Selbsterhaltung zivilisatorisch entrichtet werden mu\u00df. Nur eine Moral, die diese Erkenntnis konsequent verinnerlicht, kann die vers\u00f6hnende Kraft der &#8222;Solidarit\u00e4t mit den qu\u00e4lbaren K\u00f6rpern&#8220;, den naturhaften allen Menschen innewohnenden mimetischen Impuls freisetzen. Damit meint Adorno das einf\u00fchlsame Nachempfinden, das tiefe Mitgef\u00fchl, das noch die Kinder beim Anblick des stummen Leidens von Tieren zum Ausdruck bringen und im Verlauf ihrer Individuierung durch internalisierte Sozialzw\u00e4nge verdr\u00e4ngt, vergessen wird. <\/em><br \/>\n<em>Stattdessen wird Selbstbehauptung in sozialdarwinistischen Theorien zur Herrenmenschenideologie erhoben. Diese erlegt mit ihrem propagierten Prinzip des &#8222;\u00dcberlebens der Tauglichsten&#8220; der Gesellschaft moralische Imperative auf.\u00a0 Horkheimer vertritt in Die Revolte der Natur die Auffassung, da\u00df Lehren, die die Natur oder den Primitivismus auf Kosten des Geistes erh\u00f6hen, keine Vers\u00f6hnung mit der Natur beg\u00fcnstigen, sondern im Gegenteil nur mechanische K\u00e4lte und Blindheit gegen\u00fcber der Natur ausdr\u00fccken. &#8222;Immer wenn der Mensch vors\u00e4tzlich Natur zu seinem Prinzip macht, regrediert er auf primitive Triebe.&#8220; Die Demut des Menschen gegen\u00fcber der Natur versinkt im Abgrund brutaler Gewalt. Die Menschen &#8222;unterjochen das Universum, wenn sie sich nicht gerade selbst zerrei\u00dfen&#8220;, die R\u00fccksicht auf Tiere gilt &#8222;nicht blo\u00df als sentimental, sondern als Verrat am Fortschritt&#8220;. Dieser Fortschritt ist kein wahrer. Er offenbart sich nicht als Fortschritt des Geistes, sondern beschr\u00e4nkt sich auf den Gebrauch instrumenteller Vernunft. So werden Tiere mit Verweis auf das &#8222;nat\u00fcrliche Recht des St\u00e4rkeren&#8220; in den Laboratorien verst\u00fcmmelt und dem dumpfen Fortschrittsglauben als Blutopfer dargebracht. Auf dem &#8222;N\u00e4hrboden der durch Reflexion ungebrochenen Selbstbehauptung&#8220; gedeiht auch die &#8222;faschistische L\u00fcge&#8220;, da\u00df der Jude kein Mensch sei. Die Befreiung vom Primat der Selbstbehauptung und ihrer Herrschaft \u00fcber den Gedanken, in der Abschaffung der Gewalt, formiert sich die &#8222;Gegenbewegung zur falschen Projektion, und kein Jude, der diese je in sich zu beschwichtigen w\u00fc\u00dfte, w\u00e4re noch dem Unheil \u00e4hnlich, das \u00fcber ihn, wie \u00fcber alle Verfolgten, Tiere und Menschen, sinnlos hereinbricht&#8220; so Horkheimer und Adorno. <\/em><br \/>\n<em>Getrennt sind die Leiden der Tiere von denen der Menschen in der Unm\u00f6glichkeit, diese im vollem Umfang zu erdenken, beschreiben und kompensieren. Das Tier entbehrt den seelischen Halt, den die organisierte Vernunft, beschwichtigende Erkenntnis und die religi\u00f6se oder philosophische Idee verleiht. Aber f\u00fcr &#8222;den Entzug des Trostes tauscht das Tier nicht Milderung der Angst ein, f\u00fcr das fehlende Bewu\u00dftsein von Gl\u00fcck nicht die Abwesenheit von Trauer und Schmerz&#8220;. <\/em><br \/>\n<em>In seiner Wolkenkratzermetapher stellte Horkheimer die moderne Gesellschaft als ein Geb\u00e4ude dar, dessen Keller ein Schlachthof und dessen Dach eine Kathedrale ist. Die Monopolkapitalisten genie\u00dfen &#8222;aus den Fenstern der oberen Stockwerke eine sch\u00f6ne Aussicht auf den gestirnten Himmel&#8220; Darunter wohnen komfortabel die politischen Handlanger, die Milit\u00e4rs, die Bildungseliten. Je tiefer der Blick sich aber senkt hinab zum Fundament, desto deutlicher wird, da\u00df der Wolkenkratzer tats\u00e4chlich ein Haus der Folter und des Massenelends ist, f\u00fcr dessen obere Stockwerke &#8222;millionenweise die Kulis der Erde krepieren&#8220;. Ganz unten steht die &#8222;Tierh\u00f6lle&#8220;, in der den Individuen nichts anderes bleibt als &#8222;der Schwei\u00df, das Blut, die Verzweiflung&#8220;.<\/em><!--more--><\/p>\n<p class=\"kltext\"><em>Literatur: <\/em><br \/>\n<em>Theodor W. Adorno &#8211; Minima Moralia. Reflexionen aus dem besch\u00e4digten Leben. 23. Aufl., Frankfurt a.M. 1997. <\/em><br \/>\n<em>Max Horkheimer\/Theodor W. Adorno &#8211; Dialektik der Aufkl\u00e4rung. Philosophische Fragmente. 2.Aufl., Frankfurt a.M. 1992. <\/em><br \/>\n<em>Max Horkheimer &#8211; Zur Kritik der instrumentellen Vernunft. 2. Aufl., Frankfurt a.M. 1990. <\/em><br \/>\n<em>Max Horkheimer &#8211; Notizen 1950 bis 1969 und D\u00e4mmerungen. Notizen aus Deutschland. Frankfurt a.M. 1974.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Weiterf\u00fchrung der Diskussion unserer Freidenker-Gespr\u00e4chsrunde vom 9. 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