{"id":3904,"date":"2017-05-14T10:12:20","date_gmt":"2017-05-14T08:12:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.berlin.freidenker.org\/?p=3904"},"modified":"2017-05-15T09:10:01","modified_gmt":"2017-05-15T07:10:01","slug":"gehoert-freies-denken-zu-dem-einfachen-das-schwer-zu-machen-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.berlin.freidenker.org\/?p=3904","title":{"rendered":"Geh\u00f6rt freies Denken zu dem Einfachen, das schwer zu machen ist?"},"content":{"rendered":"<h4 style=\"text-align: center;\">Gedanken \u00fcber die Berliner &#8222;Freidenker im Gespr\u00e4ch&#8220;<\/h4>\n<p>Es gab Zeiten, zu denen ich Brechts &#8222;Lob des Kommunismus&#8220; mit Inbrunst deklamiert habe &#8211; weil die gro\u00dfen Wahrheiten so unpr\u00e4tenti\u00f6s daherkamen. Auch Ernst Busch hat das kleine Gedicht sympathisch unpathetisch vorgetragen, wie man sich <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=JiRV3DH41VU\" target=\"_blank\">noch heute \u00fcberzeugen<\/a> kann. Die ber\u00fchmte Schlusszeile schlie\u00dflich erwies sich als hervorragende Allzweckwaffe im ideologischen Streit: Es gab kein Problem, das geleugnet wurde, und es gab kein Problem, das aufgedeckt werden musste.<\/p>\n<p>Es war wohl nicht darauf angelegt, aber so lernte man Debattier-Taschenspielertricks &#8211; und hat es lange Zeit nicht einmal gemerkt. Geschrieben ist das Gedicht vor 1932, entsprechend zur\u00fcckhaltend mag die Kritik am Dichter sein. Zu der Zeit hatte sich Vieles noch nicht ereignet, was l\u00e4ngst den Status einer verdr\u00e4ngten Vergangenheit und einer verdr\u00e4ngten Vorvergangenheit angenommen hatte; damals in meinen jungen Jahren, den 60-ern des vorigen Jahrhunderts.<\/p>\n<p>&#8222;Frei-Denken&#8220; ist ein gro\u00dfes Wort, das Anspr\u00fcche einschlie\u00dft.<\/p>\n<p>Einfach loslegen!? Hemmungen beiseite werfen! Der Phantasie, der freien, der Spekulation, der k\u00fchnen, die Z\u00fcgel schie\u00dfen lassen? Ein &#8222;kreatives Start up des Denkens&#8220; sozusagen? Hauptsache \u00fcberraschend, Hauptsache bunt, Hauptsache schnell?\u00a0Ich sage dazu: &#8222;drauflos Schwadronieren&#8220;, doch ein Gebildeter kl\u00e4rt mich auf, dass so etwas wie objektive Wahrheit von gestern sei. Modern sei Konstruktion und Dekonstruktion. Und so senden sie \u00fcber adressreiche Mailinglisten\u00a0t\u00e4glich Botschaften &#8211; die ein Unh\u00f6flicher schon mal als &#8222;heillose Buchstabenaneinanderreihungen&#8220; bezeichnete.<\/p>\n<p>Nein, voraussetzungslos ist freies Denken gewiss nicht.<\/p>\n<p>So sagen wir und stehen vor der n\u00e4chsten Falle. Was 1920 gedacht wurde, geh\u00f6rt zu den Voraussetzungen. Was 1930 gedacht wurde ebenfalls. 1940 ebenfalls, 1950 ebenfalls, 1960 ebenfalls. Marx, Lenin, Stalin, Carl Schmitt, Hannah Arendt, Axel Springer, mein Onkel Arthur &#8211; was w\u00e4ren keine Voraussetzungen?<\/p>\n<p>Freies Denken braucht die Anstrengung des Begriffs und die in wenigstens zwei Richtungen:<\/p>\n<p>Es st\u00fctzt sich\u00a0zum Ersten auf die bew\u00e4hrte Theorie. Unsere ist eine des realen Humanismus, dialektisch und materialistisch. Die \u00fcber viele Jahrzehnte, ja \u00fcber Jahrhunderte, entwickelte Theorie in ihrer ganzen Ausdehnung und Tiefe und Praxiswirkung wird bewahrt und aufgehoben. Nichts wird ohne Pr\u00fcfung relativiert oder gar verworfen.<\/p>\n<p>Zugleich aber zum Zweiten wird nichts \u00dcberkommenes von der Pr\u00fcfung verschont. Das &#8222;lebendige Leben&#8220;, wie Lenin gern sagte, ist und bleibt der gr\u00f6\u00dfte Lehrer unseres Denkens. Es gibt uns die Anst\u00f6\u00dfe, auch mit unserer Theorie kritisch und wenn n\u00f6tig, revolution\u00e4r umzugehen. Denn die Beschw\u00f6rung toter Buchstaben f\u00fchrt genauso in die Irre, wie der Kniefall vor dem neuesten Schrei des Marktes.<\/p>\n<p>Ja, gerade heute verlangen diese beiden Anforderungen Enormes. Doch einfacher ist freies Denken nicht zu haben.<\/p>\n<p>Der viele Jahrzehnte w\u00e4hrende Weg des Realsozialismus &#8211; gemessen an der Geschichte ein Wimpernschlag, gemessen an der Biografie manches Menschen das Ein und Alles &#8211; hatte Erfolge aufzuweisen und hat gr\u00fcndliche Zerst\u00f6rungen angerichtet.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Wohlan freies Denken, begib Dich auf den argen Weg! Du musst durch die H\u00f6lle der Erkenntnis, wie es <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/autor\/dante-115\" target=\"_blank\">der gro\u00dfe Florentiner<\/a>, den Marx bewunderte, Emigranten beide, beschrieben hat. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Und vergiss niemals: &#8222;Die Wurzel f\u00fcr den Menschen ist aber der Mensch selbst&#8220; \u00a0(<a href=\"https:\/\/marxwirklichstudieren.files.wordpress.com\/2012\/11\/mew_band01.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Marx\/Engels, Werke, Band 1<\/a>, S. 385). Oder muss auch dieser Satz gepr\u00fcft werden? Muss er heute anders verstanden werden? Gibt es gar dieses &#8222;lebendige Leben&#8220;, von dem Lenin sprach, nicht mehr?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gedanken \u00fcber die Berliner &#8222;Freidenker im Gespr\u00e4ch&#8220; Es gab Zeiten, zu denen ich Brechts &#8222;Lob des Kommunismus&#8220; mit Inbrunst deklamiert habe &#8211; weil die gro\u00dfen Wahrheiten so unpr\u00e4tenti\u00f6s daherkamen. Auch Ernst Busch hat das kleine Gedicht sympathisch unpathetisch vorgetragen, wie man sich noch heute \u00fcberzeugen kann. Die ber\u00fchmte Schlusszeile schlie\u00dflich erwies sich als hervorragende Allzweckwaffe [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":true,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[49,46,80,8],"tags":[59,571,349,221,347,440,303],"class_list":["post-3904","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aufklaerung","category-freidenker-im-gespraech","category-religion","category-standpunkte","tag-freidenker","tag-freies-denken","tag-historischer-materialismus","tag-lenin","tag-marx","tag-realsozialismus","tag-stalin"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/py5dN-10Y","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.berlin.freidenker.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3904","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.berlin.freidenker.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.berlin.freidenker.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.berlin.freidenker.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.berlin.freidenker.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3904"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/www.berlin.freidenker.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3904\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3917,"href":"https:\/\/www.berlin.freidenker.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3904\/revisions\/3917"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.berlin.freidenker.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3904"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.berlin.freidenker.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3904"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.berlin.freidenker.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3904"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}