{"id":4333,"date":"2017-07-17T00:15:13","date_gmt":"2017-07-16T22:15:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.berlin.freidenker.org\/?p=4333"},"modified":"2017-07-17T10:45:17","modified_gmt":"2017-07-17T08:45:17","slug":"bei-freidenkern-gefunden-und-anderswo-217-stalins-sturz-verpasst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.berlin.freidenker.org\/?p=4333","title":{"rendered":"Bei Freidenkern gefunden&#8230; und anderswo (2\/17) &#8211; &#8222;Stalins Sturz verpa\u00dft&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Ein wenig bekannter Artikel von Nick Brauns, &#8222;junge Welt&#8220; vom 19.4.2003:<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><em>Lenins Bombe z\u00fcndete nicht. Trotzki gab den Trumpf aus der Hand. Vor 80 Jahren: Der XII. Parteitag der KPR (B)<\/em><\/h3>\n<p><em>Der XII. Parteitag der Kommunistischen Partei Ru\u00dflands (Bolschewiki), der vom 17. bis zum 23. April 1923 in Moskau tagte, war der erste Parteitag der Bolschewiki, an dem Lenin nicht teilnahm. Er war nach dem dritten Herzinfarkt am 9. M\u00e4rz des Jahres halbseitig gel\u00e4hmt und der Sprachf\u00e4higkeit beraubt. Vorher aber hatte Lenin nach seinen eigenen Worten noch eine politische \u00bbBombe gegen Stalin\u00ab vorbereitet.<\/em><\/p>\n<p><em>Schon l\u00e4nger hatte Lenin die zunehmende B\u00fcrokratisierung des Partei- und Staatsapparats beklagt und das Agieren des Generalsekret\u00e4rs kritisiert. In seinem im Dezember 1922 verfa\u00dften sogenannten Testament hatte er erkl\u00e4rt, er sei nicht \u00fcberzeugt, da\u00df Stalin, der \u00bbeine unerme\u00dfliche Macht in seinen H\u00e4nden konzentriert\u00ab, \u00bbes immer verstehen wird, von dieser Macht vorsichtig genug Gebrauch zu machen\u00ab. Da dieser \u00bbzu grob\u00ab sei, schlug Lenin die Abl\u00f6sung Stalins vor.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Der Hebel zum Sturz Stalins sollte die Georgien-Frage werden&#8230;.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><em> Stalin war in arroganter und b\u00fcrokratischer Weise gegen den Wunsch der Kaukasusrepublik nach einem Mindestma\u00df von Selbstbestimmung aufgetreten. Sein Vertrauter Ordshonikidse hatte sich als ZK-Vertreter sogar zu Handgreiflichkeiten gegen\u00fcber einem georgischen Kommunisten hinrei\u00dfen lassen. Dzierzynski, der eine diesbez\u00fcgliche Untersuchungskommission leitete, hatte Stalins und Ordshonikidses Vorgehen gedeckt.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Am 5. M\u00e4rz 1923 diktierte Lenin seiner Sekret\u00e4rin eine Notiz an Trotzki, in der er ihn bat, die Verteidigung der georgischen Angelegenheit vor dem ZK der Partei zu \u00fcbernehmen. \u00bbDiese Sache wird gegenw\u00e4rtig von Stalin und Dzierzynski \u203averfolgt\u2039, und ich kann mich auf deren Unvoreingenommenheit nicht verlassen. Sogar ganz im Gegenteil.\u00ab Lenin \u00fcberlie\u00df Trotzki seine Aufzeichnungen zur Nationalit\u00e4tenpolitik, in denen es unter anderem hie\u00df: \u00bbUnd ich glaube, im gegebenen Fall, in dem es sich um die georgische Nation handelt, haben wir ein typisches Beispiel daf\u00fcr, wo eine wahrhaft proletarische Einstellung gr\u00f6\u00dfte Vorsicht, Zuvorkommenheit und Nachgiebigkeit unsererseits erfordert. Ein Georgier, der sich geringsch\u00e4tzig zu dieser Seite der Sache verh\u00e4lt, der leichtfertig mit Beschuldigungen des \u203aSozialnationalismus\u2039 um sich wirft, (w\u00e4hrend er selbst ein wahrer und echter \u203aSozialnationalist\u2039, ja mehr noch, ein brutaler gro\u00dfrussischer Dershimorda ist), ein solcher Georgier verletzt im Grunde genommen die Interessen der proletarischen Klassensolidarit\u00e4t, weil nichts die Entwicklung und Festigung der proletarischen Klassensolidarit\u00e4t so sehr hemmt wie die nationale Ungerechtigkeit und weil die \u203agekr\u00e4nkten\u2039 nationalen Minderheiten f\u00fcr nichts ein so feines Gef\u00fchl haben wie f\u00fcr die Gleichheit und f\u00fcr die Verletzung dieser Gleichheit, sei es auch nur aus Fahrl\u00e4ssigkeit, sei es auch nur im Scherz, f\u00fcr die Verletzung dieser Gleichheit durch die Genossen Proletarier.\u00ab Dershimorda, mit dem Stalin hier verglichen wurde, war der Name eines pr\u00fcgelnden Polizisten aus einem bekannten Buch Gogols.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Entgegen Lenins ausdr\u00fccklicher Warnung, keinen \u00bbfaulen Kompromi\u00df\u00ab einzugehen, erkl\u00e4rte sich Trotzki gegen\u00fcber dem Triumvirat Stalin-Sinowjew-Kamenew, das die Partei seit Lenins Krankheit f\u00fchrte, bereit, auf dem Parteitag auf Angriffe zu verzichten. Im Gegenzug sollte Stalin in seinen Thesen zur Nationalit\u00e4tenpolitik den gro\u00dfrussischen Chauvinismus mit klaren Worten verurteilen, in der Wirtschaftspolitik einen \u00bbfesten Kurs auf die Industrialisierung\u00ab einschlagen und sich bei Lenins Frau Krupskaja f\u00fcr vorangegangene Beleidigungen entschuldigen. Der Generalsekret\u00e4r ergriff dankbar die rettende Hand und akzeptierte alle Bedingungen. Nachdem Trotzki Lenins explosiven Artikel zur Nationalit\u00e4tenfrage, der ihm eigens zur Verlesung auf dem Parteitag anvertraut worden war, einen Tag vor Beginn des Parteitags dem Zentralkomitee \u00fcberlassen hatte, beschlo\u00df das ZK, diese \u00bbBombe gegen Stalin\u00ab nicht zu ver\u00f6ffentlichen.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Stalin schlug vor, Trotzki solle den Rechenschaftsbericht des ZK halten. Dieser durchschaute die Falle. Um nicht den Eindruck zu erwecken, er wolle nach Lenins Krone greifen, schlug er das Angebot aus und Sinowjew \u00fcbernahm das Hauptreferat. Trotzki schwieg zu allen kritischen Fragen oder verlie\u00df gar w\u00e4hrend der Nationalit\u00e4tendebatte den Plenarsaal. Es gab nicht den kleinsten Hinweis auf Differenzen zwischen ihm und dem Triumvirat.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Auch Stalin hatte sich nach au\u00dfen hin an die Abmachung mit Trotzki gehalten. In scharfen Worten verurteilte er den gro\u00dfrussischen Chauvinismus. Vergeblich forderten die derart vor den Kopf gesto\u00dfenen georgischen Delegierten, Lenins Aufzeichnungen zu verlesen. Als einziges Politb\u00fcromitglied verteidigte Nikolai Bucharin in einer aufr\u00fcttelnden Rede die Rechte der kleinen V\u00f6lkerschaften und entlarvte<\/em><br \/>\n<em>Stalins Heuchelei.<\/em><\/p>\n<p><em>Trotzki konzentrierte sich in seiner Rede am 20. April allein auf die Wirtschaftspolitik. Er beklagte eine \u00bbSchere\u00ab zwischen den hohen Preisen f\u00fcr Industrieg\u00fcter und den niedrigen f\u00fcr landwirtschaftliche Erzeugnisse. Da Bauern sich Industrieprodukte nicht leisten k\u00f6nnten und so kein Anreiz zur Agrarproduktion bestehe, sei das B\u00fcndnis zwischen Stadt und Land bedroht. Trotzki empfahl, die Industrieproduktion durch Rationalisierung und Modernisierung zu steigern. Im Rahmen der seit 1921 g\u00fcltigen marktwirtschaftlich ausgerichteten Neuen \u00d6konomischen Politik (N\u00d6P) sollte so der staatliche Sektor gegen\u00fcber dem Privatkapital gest\u00e4rkt und die N\u00d6P schrittweise \u00fcberwunden werden. Er verschwieg nicht die H\u00e4rten, die diese sozialistische Akkumulation f\u00fcr Arbeiter und Bauern gleicherma\u00dfen bedeuten w\u00fcrde. Seinen Gegnern in der Partei war es daher ein Leichtes, Trotzki als angeblichen Feind der Bauern- wie der Arbeiterschaft zu denunzieren. Obwohl Trotzkis Rede als offizielle Linie der Partei galt und w\u00e4hrend des Kongresses auf keinen Widerspruch des Politb\u00fcros traf, blieb die wirtschaftliche Praxis bis zum ersten F\u00fcnfjahresplan 1929 unver\u00e4ndert.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Parteitagsdelegierten stimmten f\u00fcr eine Erweiterung des Zentralkomitees von 27 auf 40 Mitglieder. Doch nicht \u2013 wie von Lenin vorgeschlagen \u2013 politisch unvorbelastete Arbeiter und Bauern r\u00fcckten nach, sondern enge Gefolgsleute Stalins, der erneut zum Generalsekret\u00e4r gew\u00e4hlt wurde. \u00bbDer Zw\u00f6lfte Parteitag hob Stalin vom Stande der Unterordnung auf den ersten Platz im Triumvirat. Sinowjews Mehrheit im Zentralkomitee und im Politb\u00fcro wurde umgesto\u00dfen, Stalin gewann die Kontrolle des einen wie des anderen\u00ab, notierte Trotzki. Sp\u00e4ter sollte er zu der Erkenntnis kommen, da\u00df man \u00bbin den Jahren 1922\/23 noch die Kommandoposition durch einen offenen Angriff\u00ab h\u00e4tte erobern k\u00f6nnen. Um sein Wirtschaftsprogramm, dessen Tragweite nur die wenigsten Zuh\u00f6rer einsch\u00e4tzen konnten, vorzustellen, hatte er jedoch die entscheidende Gelegenheit zum Sturz Stalins verpa\u00dft und Lenins Trumpf aus der Hand gegeben.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Trotzki-Biograph Isaak Deutscher mutma\u00dft, es sei Trotzki wie ein schlechter Witz vorgekommen, \u00bbda\u00df Stalin, der energische und verschlagene, aber sch\u00e4bige und ausdruckslose Mann in Hintergrund, sein Rivale sein sollte. Er wollte sich von ihm nicht st\u00f6ren lassen und war nicht bereit, sich mit ihm oder selbst Sinowjew auf gleiche Ebene zu stellen. Er wollte vor allem bei der Partei nicht den Eindruck erwecken, da\u00df auch er an dem unw\u00fcrdigen Treiben beteiligt sei, da\u00df die J\u00fcnger Lenins vor dem noch leeren Sarg Lenins veranstalteten. Trotzkis Verhalten war so unbeholfen und l\u00e4cherlich, wie das Verhalten jedes dramatischen Helden sein mu\u00df, der pl\u00f6tzlich in eine ordin\u00e4re Posse hineingezogen wird.\u00ab<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\">Nachbemerkung vom Webmaster<\/h3>\n<p>Die im Artikel zitierten aber nicht mit Quellenangaben unterlegten Ausf\u00fchrungen Lenins sind <a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/lenin\/1922\/12\/autonom.html\" target=\"_blank\">hier<\/a>\u00a0im Original zu finden. (Diese Dokumente wurden erstmals zur Zeit des &#8222;Revisionisten&#8220; Chruschtschow ver\u00f6ffentlicht &#8211; 1956 auf russisch. Auf deutsch erschienen sie &#8211; man korrigiere mich, wenn ich irre &#8211; erstmals 1962, vergraben im Band 36 der Lenin-Werke.)<\/p>\n<p>Verschiedene Erl\u00e4uterungen der damaligen Zusammenh\u00e4nge sind <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/als-lenin-mit-stalin-brach-oder-die-georgische-schule-der-nationalitaetenpolitik\/\" target=\"_blank\">hier<\/a>\u00a0und auch <a href=\"http:\/\/gis.blogsport.de\/2008\/10\/25\/die-georgienfrage\/\" target=\"_blank\">hier<\/a> zu finden. (Solche aktuellen Interpretationen sollten immer kritisch gelesen werden. Zwar bringen sie oftmals versch\u00fcttete historische Tatsachen ins Licht zur\u00fcck, verkn\u00fcpfen diese aber auch mit Interpretationen aus jeweils spezifischer und auch fragw\u00fcrdiger Sicht.)<\/p>\n<p>Ironie der Geschichte ist es, wenn Putin heute formuliert: <a href=\"https:\/\/de.sputniknews.com\/politik\/20170714316601711-putin-ukraine-krise\/\" target=\"_blank\">&#8222;Ukraine-Krise dauert so lange, bis Geduldsfaden der Ukrainer rei\u00dft&#8220;<\/a>. Putin ist<a href=\"http:\/\/das-blaettchen.de\/2016\/02\/putin-und-lenin-35227.html\" target=\"_blank\">\u00a0alles andere als ein erkl\u00e4rter Leninist.<\/a>\u00a0Umso schwerer wiegt, dass er heute allein aus geopolitischem Pragmatismus diese gl\u00e4nzende Best\u00e4tigung von Prinzipien der Leninschen Nationalit\u00e4tenpolitik liefert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein wenig bekannter Artikel von Nick Brauns, &#8222;junge Welt&#8220; vom 19.4.2003: Lenins Bombe z\u00fcndete nicht. 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