{"id":5757,"date":"2020-08-14T12:21:59","date_gmt":"2020-08-14T10:21:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.berlin.freidenker.org\/?p=5757"},"modified":"2020-09-18T13:01:29","modified_gmt":"2020-09-18T11:01:29","slug":"das-land-des-lebens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.berlin.freidenker.org\/?p=5757","title":{"rendered":"Das Land des Lebens"},"content":{"rendered":"<p>In diesem Jahr gedenken wir des drei\u00dfigsten Jahrestages der Konterrevolution. Dieses Tages zu gedenken verstrickt in seltsame emotionale Widerspr\u00fcche, denn Gedenktage haben immer etwas von Totenfeiern. Es werden Erinnerungen geteilt, Hinterlassenes sortiert. Es wird gesucht, das Gute vom Schlechten getrennt und das Gute aufbewahrt, um es weiterzureichen. Am Ende wendet man sich ab und dem Leben zu. Nur, diese Gedenkfeiern stehen, das wird von Jahr zu Jahr deutlicher, unter umgekehrtem Vorzeichen. Wir gedenken des Lebens, erinnern uns an die Zukunft, und wenn wir uns abwenden, kehren wir in eine Existenz zur\u00fcck, die vom Tod gepr\u00e4gt ist.<\/p>\n<p>Es mag sein, dass uns das durch die T\u00e4tigkeit innerhalb unseres Vereins Friedensbr\u00fccke besonders auff\u00e4llt. Denn was wir tun, ist nur an der \u00e4u\u00dfersten Oberfl\u00e4che dasselbe, wie wir es damals auch kannten &#8211; das Organisieren, Verschicken und Verteilen humanit\u00e4rer Hilfe. Heute versorgen wir \u2013 notd\u00fcrftig, weil nicht mehr mit den Mitteln eines Staates, sondern nur denen einzelner Menschen \u2013 Wunden, die der Staat, in dem wir leben m\u00fcssen, zumindest mit geschlagen hat. Wir absolvieren oft eine Art Hindernislauf, weil die wirtschaftliche Kriegsf\u00fchrung, auch Sanktionen genannt, es absichtlich ungeheuer erschweren, den Opfern selbst minimale Unterst\u00fctzung zu gew\u00e4hren. Das gilt f\u00fcr Syrien, das gilt f\u00fcr den Jemen und ebenfalls f\u00fcr den Donbass.<!--more--><\/p>\n<p>Da wird beispielsweise das Vereinskonto gesperrt, weil damit die Rechnung einer wei\u00dfrussischen Spedition bezahlt wird, die Hilfsg\u00fcter in den Donbass f\u00e4hrt. Da m\u00fcssen G\u00fcter \u00fcber Umwege transportiert werden, weil unsere eigene Regierung das Elend der Menschen in der Zielregion verst\u00e4rkt, nicht lindert.<\/p>\n<p>Wir erleben gelegentlich direkt den Zustand des permanenten Krieges, in den die Welt seit damals geraten ist, wenn wir bei der Verteilung von Hilfsg\u00fctern in den Keller rennen m\u00fcssen, weil gerade mal wieder ein Wohnviertel oder eine Schule beschossen wird, wie es im Donbass Alltag ist. Wir sehen die M\u00fchsal des Alltags unter dieser aufgezwungenen Not. Einer Not, die ebenso verschwiegen wie gef\u00f6rdert wird; weshalb die zweite Seite unserer Arbeit der best\u00e4ndige Kampf gegen dieses Schweigen ist, das gebrochen werden muss, um ein Ende dieses Kriegszustands herbeizuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Im Donbass zeigt sich auch, dass der Versuch, wieder einen Staat zu schaffen, der die Produktionsmittel besitzt, nicht unblutig verl\u00e4uft und er mit allen Mitteln korrumpiert wird. Damals, in unserer Kindheit in der DDR, als wir aus dem Geschichtsbuch von den K\u00e4mpfen der Kommunisten w\u00e4hrend der dunklen Jahre Deutschlands erfuhren, freuten wir uns, dank ihrer ein besseres Leben f\u00fchren zu k\u00f6nnen. Das Jahr 89 riss uns aus diesem Leben heraus. Und \u00f6ffnete das Tor f\u00fcr den Faschismus, der im Donbass deutlich erkennbar auf der anderen Seite der Frontlinie steht.<\/p>\n<p>Aber es ist ja nicht so, als h\u00e4tten wir hier Frieden. Wenn man sich fragt, warum die Friedensbewegung gerade heute, da an allen Enden der Welt gez\u00fcndelt wird, so schwach ist, muss man erkennen, dass der Abstand zwischen vermeintlich friedlichem Alltag und Krieg unermesslich geringer ist, als er damals war. Wenn wir uns damals wom\u00f6glich fragten, wie sie konkret wahrgenommen werden kann, die F\u00e4ulnis des Imperialismus, so m\u00fcssen wir heute nicht einmal mehr das Haus verlassen, um sie zu riechen und zu sp\u00fcren. Die Gesellschaft der heutigen Bundesrepublik ist in einem Ausma\u00df von Angst, Verachtung und Perspektivlosigkeit gepr\u00e4gt, wie wir sie damals nicht einmal in Alptr\u00e4umen h\u00e4tten erahnen konnten; die Bewohner der BRD \u00fcbrigens auch nicht. Eine Angst, die best\u00e4ndig verst\u00e4rkt werden muss, durch Gesetze wie Hartz IV, durch die v\u00f6llige Missachtung jedes sozialen Problems, durch st\u00e4ndige \u00f6ffentliche Erniedrigung der Besitzlosen und nicht zuletzt durch die D\u00e4monisierung jedes Gedankens, der von der wahren Linie abweicht. Eine Angst, die j\u00fcngst anl\u00e4sslich der Corona-Epidemie hervor trat, verschoben und verzerrt, wie fast jede politische Regung momentan, aber ausgel\u00f6st durch jenen Grundzustand, der inzwischen l\u00e4ngst nicht nur abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigte, sondern auch vermeintlich Selbst\u00e4ndige pr\u00e4gt: immer nur ein Monatseinkommen von der Katastrophe entfernt zu leben. Diese Katastrophe nennt sich Armut, Wohnungslosigkeit, Verlust des sozialen Umfelds, Verlust der Anerkennung, Scham, ein Ende der \u00f6konomischen Perspektive. Nur ein Zehntel der Bev\u00f6lkerung besitzt Reserven, um eine l\u00e4ngere Durststrecke zu \u00fcberstehen. Und nur sehr wenige geh\u00f6ren zu jener erlesenen Gruppe, die aus solchen Katastrophen Honig saugen kann; die Milliard\u00e4re, die Besitzer der Konzerne, schlicht die herrschende Klasse.<\/p>\n<p>Horrorfilme beginnen regelm\u00e4\u00dfig mit scheinbar harmonischen Alltagsszenen, bei deren Betrachtung der Zuschauer sofort wei\u00df, dass gleich das Grauen um die Ecke kommt, die Protagonisten der Szenen aber nicht. Das war vielleicht unsere gr\u00f6\u00dfte Schw\u00e4che damals \u2013 wir waren uns des lauernden Ungeheuers nicht mehr wirklich bewusst und \u00e4hnelten, von wenigen Ausnahmen abgesehen, der ahnungslosen Familie beim Geburtstagsfest oder den Jugendlichen auf einem Ausflug, \u00fcber die pl\u00f6tzlich das Unheil hereinbrechen wird. Die Betrachter von Horrorfilmen ziehen ihr Vergn\u00fcgen daraus, mehr von diesem Schrecken zu wissen und dennoch vor ihm sicher zu sein.<\/p>\n<p>Im Moment des Anschlusses verhielten sich viele Westb\u00fcrger so, als s\u00e4\u00dfen sie in einem Horrorfilm mit uns als Protagonisten; wartet nur, das Monster wird euch gleich die Haut abziehen, wir wissen das, ihr nicht, das wird ein Spa\u00df&#8230; Letztlich aber waren es dann unser aller H\u00e4ute, die abgezogen wurden; das l\u00e4sst sich daran erkennen, mit welcher Vorsicht inzwischen die Wirklichkeit ber\u00fchrt wird, weil die Nerven blank liegen.<\/p>\n<p>Soviel Kraft wird heute daf\u00fcr vergeudet, diese Angst nicht an die Oberfl\u00e4che kommen zu lassen. Da ist das Nichts, in das ich jederzeit st\u00fcrzen kann. Ich gehe zu Bett mit Furcht vor dem morgigen Tag. Ich erwache mit Furcht vor dem, was der Tag bringt, und es ist keine Erleichterung, ihn abends \u00fcberstanden zu haben, weil der n\u00e4chste Tag nicht besser sein wird. Solange dieses allt\u00e4gliche Elend als individuelles Schicksal erlebt wird, nicht als Klassenschicksal, nicht als Ver\u00e4nderliches, h\u00e4ngt das t\u00e4gliche Funktionieren davon ab, diese Furcht zu verdr\u00e4ngen; mit aller M\u00fche so zu tun, als w\u00e4re alles gut, das Nichts nur f\u00fcr jene bestimmt, die es verdient haben; den Teppich \u00fcber den Blutfleck zu ziehen und das Abendessen aufzutragen. Nein, es ist kein Wunder, dass der ultimative Schrecken, der Krieg, nicht einmal mehr wahrgenommen wird in diesem Land der verdr\u00e4ngten Angst; er kriecht aus derselben finsteren Ecke hervor, aus dem all die anderen Dinge lauern, die man f\u00fcrchten muss und doch nicht sehen und benennen darf; Arbeitslosigkeit, Wohnungslosigkeit, Armut, Einsamkeit, Verzweiflung&#8230;<\/p>\n<p>Wie viel freundlicher ist doch der Mensch, wenn er frei von dieser Furcht ist. In welchem \u00dcberfluss an Menschlichkeit konnten wir damals leben. \u201eAber das menschliche Wesen,\u201c schrieb Marx in seinen Feuerbach-Thesen, \u201eist kein dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse.\u201c Es ist kein Wunder, dass Horrorfilme ein Genre sind, das uns damals fremd war. Ebenso, wie es kein Wunder ist, dass in heutigen Horrorfilmen das Ungeheuer nicht mehr besiegt wird; von der wirklichen, menschlichen Zukunft, die wir im Blick hatten, f\u00fchrte der Weg \u00fcber Kohls bl\u00fchende Landschaften, aus denen die Menschen bereits gestrichen waren, hin zu der Welt der lebenden Toten, die heute ihre Stelle einnimmt.<\/p>\n<p>Das Denken der westlichen Welt wird mit Dystopien geflutet, als g\u00e4be es kein Morgen, und da das herrschende Denken das Denken der Herrschenden ist, gibt es auch keines. In der fundamentalen Krise, jenem \u00f6konomischen Sturm, der unter der Deckung von Corona wieder hervor trat, wird bereits die b\u00fcrgerliche Aufkl\u00e4rung geopfert; wo einst die antretende Klasse die Erkenntnis an die Stelle der Moral setzte, das Wissen an die Stelle des Glaubens, w\u00fcnscht sich die abtretende wieder Moral an Stelle der Erkenntnis. Geschichtliche Bedingtheit des Menschen, die Dialektik zwischen den materiellen Verh\u00e4ltnissen und den Gedanken, ja, selbst die Geschichte des Ringens um Erkenntnis werden ausgel\u00f6scht, aus den B\u00fcchern getilgt, von den Sockeln gesto\u00dfen, weil die b\u00fcrgerliche Ideologie der Gegenwart mit der Aura der unver\u00e4nderlichen Offenbarung versehen werden soll, ein Taschenspielertrick, der davon ablenkt, dass sie geworden ist und vergehen kann und dass sie den einen nutzt und den anderen schadet.<\/p>\n<p>Denn der Wahn einer ahistorischen Moral l\u00f6scht immer beide Seiten aus. Indem &#8218;Vom Winde verweht&#8216; von den Webservern genommen wurde, \u00fcber die junge Leute heute Filme konsumieren, verschwand auch der Film, f\u00fcr den die erste schwarze Darstellerin einen Oscar enthielt. Man irrt sich, wenn man die augenblickliche Mode der Denkmalsch\u00e4ndung f\u00fcr fortschrittlich h\u00e4lt, selbst wenn sie sich mal nicht gegen unsere Monumente, sondern gegen Statuen von Sklavenhaltern richtet \u2013 geschichtliche Widerspr\u00fcche kann man nur verbergen, indem man die Erinnerung an beide Seiten zerst\u00f6rt, eben mit der Erinnerung an die Sklaverei auch jene an die Befreiung; das Ziel ist die Phantasie einer Gesellschaft, die nach wie vor von sch\u00e4rfsten gesellschaftlichen Widerspr\u00fcchen zerrissen ist, aber den Widerspruch an sich nicht mehr denken darf oder kann.<\/p>\n<p>Wie sehr sehnt man sich nach der Zeit ruhiger \u00dcberlegung zur\u00fcck, wenn man die irrationalen Sch\u00fcbe betrachten muss, die die deutsche Gesellschaft heute durchlebt. Wie heilsam w\u00e4re es, einen Menschen wieder in seiner ganzen Widerspr\u00fcchlichkeit wahrnehmen zu d\u00fcrfen, statt Etiketten mit &#8218;gut&#8216; und &#8218;b\u00f6se&#8216; zu verteilen und je nachdem ins T\u00f6pfchen oder ins Kr\u00f6pfchen zu sortieren.<\/p>\n<p>Denn es ist ganz gleich, wie viele Geschlechter man noch erfindet 72 oder 144, der konkrete Mensch w\u00fcrde immer noch nicht, selbst bei st\u00e4rkstem eigenem Bem\u00fchen, in eine der vielen Schubladen passen, sein ganzes Leben lang und unter allen Umst\u00e4nden. Er oder sie ist immer ein sowohl als auch, ist einmal das eine und dann wieder das andere, der eine in der Jugend, der andere im h\u00f6heren Alter; eben wandelbar, widerspr\u00fcchlich und gerade deshalb f\u00e4hig, zu lernen und zu erkennen.<\/p>\n<p>Das ist aber die Natur all der Dinge, die wir fr\u00fcher als Nebenwiderspr\u00fcche benannt haben. Sobald der Hauptwiderspruch aus dem Blick ger\u00e4t und seine Existenz geleugnet wird, k\u00f6nnen sie nur noch zum Schein gel\u00f6st werden.<\/p>\n<p>Da nicht mehr die Rede sein darf von den Krupps, den Klattens und den Krauses, bleibt auch bezogen etwa auf die Lage der Frauen nur die Kombination aus Gendersternchen und einem Schweigegebot aller konkreten Daten, die belegen, dass sich weder in Bezug auf den Lohnabstand noch in Bezug auf die Lage Alleinerziehender irgend etwas gebessert hat. Das Gegenteil ist der Fall. Jeder gro\u00dfm\u00e4ulig gepriesene Frauenf\u00f6rderplan erbleicht vor Scham angesichts dessen, was in der DDR schon 1952 vorgegeben wurde.<\/p>\n<p>Es gibt eine statistische Zahl, die im Grunde alles sagt, was \u00fcber 1989 und danach zu sagen w\u00e4re. Seit es m\u00f6glich ist, ungewollte Schwangerschaften zu verh\u00fcten, gibt die Geburtenrate deutlich wieder, wie zuversichtlich die Menschen, insbesondere die Frauen, die Zukunft sehen. Nichts belegt deutlicher, dass sich damals eine Katastrophe ereignete, wie der R\u00fcckgang der Geburten, und nichts widerlegt alles Geschwurbel \u00fcber &#8218;das Land, in dem wir gut und gerne leben&#8216; klarer als ihr fortgesetzter Tiefstand. Wer Angst vor dem Morgen hat, bekommt keine Kinder.<\/p>\n<p>Aber laut der Erz\u00e4hlung, die t\u00e4glich \u00fcber die Bildschirme flackert, haben wir alle in Angst gelebt. Angst vor dem hinter jeder Mauer lauernden Ungeheuer Stasi, das auf jede unserer Regungen lauschte und uns bei einem Fehltritt mit Haut und Haar verschlungen h\u00e4tte. Es wird mit Sicherheit in Zukunft noch gr\u00f6\u00dfer aufgeblasen, in noch d\u00fcsteren Farben gemalt werden. Und kein vern\u00fcnftiges Argument wird daran etwas \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Warum? Weil es bei diesem Drama nicht um die Vergangenheit geht, sondern um die Gegenwart. In einer Gesellschaft, die von Angst durchtr\u00e4nkt ist wie ein vollgesogener Schwamm, darf es keine Erinnerung an eine Gesellschaft ohne diese Angst geben.<\/p>\n<p>Dass hier ein Popanz aufgeblasen wird, ist nicht schwer aufzuzeigen, denn schlie\u00dflich umfassten die Funktionen des Ministeriums f\u00fcr Staatssicherheit nicht nur jene des BND, dessen monstr\u00f6ser Bau allein schon gen\u00fcgen m\u00fcsste, die Dimensionen klarzustellen; nein, auch jene der siebzehn Verfassungsschutzbeh\u00f6rden, diverser Staatsanwaltschaften, der Sicherheitsabteilungen der Konzerne zur Abwehr von Wirtschaftsspionage und der Meinungsforschungsinstitute. Die Liste ist noch l\u00e4ngst nicht vollst\u00e4ndig, und doch w\u00fcrde man ganz Lichtenberg brauchen, all das unterzubringen.<\/p>\n<p>Dennoch n\u00fctzt dieses Argument nichts, es wird nicht durchdringen, so lange diese Bundesrepublik weiter besteht. Schlimmer noch, je tiefer die aktuelle Misere, desto furchterregender wird alles gemalt werden, das mit unserer Gesellschaft, also wirklich unserer, zu tun hat. Denn alles deutet darauf hin, dass der Kapitalismus keinen Ausweg mehr findet; warum sonst sollte er Verzicht predigen und seine eigenen Errungenschaften liquidieren?<\/p>\n<p>Die ganz realen \u00c4ngste werden st\u00e4rker, weil die \u00f6konomischen Widerspr\u00fcche sch\u00e4rfer werden. Um zu verhindern, dass die realen Quellen dieser \u00c4ngste ins Bewusstsein treten oder gar beginnen, das Handeln zu bestimmen, m\u00fcssen immer neue fiktive \u00c4ngste geschaffen werden; die Erkenntnis der gemeinsamen Lage muss durch immer neue Gr\u00e4ben zwischen den Menschen gleicher Lage verhindert werden, die mit der Hilfe der Moral gezogen werden.<\/p>\n<p>Die Vorstellung geistiger Ansteckung, die geradezu zelebriert wird, k\u00f6nnte unmittelbar dem Hexenhammer entstammen, der fr\u00fchneuzeitlichen Anleitung f\u00fcr Inquisitionsprozesse: wer Umgang mit jemanden hatte, der Umgang mit dem Teufel hatte, ist selbst des Teufels.<\/p>\n<p>Die Verfallserscheinungen der kapitalistischen Gesellschaft sind also auch nur Variationen \u00fcber ein Thema, das in der untergehenden Sklavenhaltergesellschaft die antiken Tempel niederriss und in der Endphase des Feudalismus die Scheiterhaufen entflammte.<\/p>\n<p>An diesem Punkt irrte Goethe \u2013 der Augenblick soll nicht im Moment des h\u00f6chsten Gl\u00fccks verweilen, sondern dann, wenn der Untergang vor der T\u00fcr steht. Das ist der Zeitpunkt, an dem versucht wird, die Geschichte auszul\u00f6schen. Nichts davon kann die Tatsache \u00e4ndern, dass wir die Saat der Zukunft in den H\u00e4nden hielten. Wir wissen, wie sie aussieht, wir wissen, wie sie zu pflanzen ist, wie sie gedeiht.<\/p>\n<p>Ja, vieles was m\u00fchsam errungen wurde, wurde in den letzten 30 Jahren zerst\u00f6rt. Das betrifft nicht nur das Gebiet der DDR, sondern auch das der BRD. Nicht nur jede soziale Errungenschaft wurde geschliffen. Der Stand der politischen Debatte ist ebenso erb\u00e4rmlich wie der der politischen Bildung; Wissenschaft, Kultur sind inzwischen v\u00f6llig den Kapitalinteressen untergeordnet und durch und durch k\u00e4uflich. Auch das tr\u00e4gt zur augenblicklichen Verwirrung bei.<\/p>\n<p>Es ist nur schwer m\u00f6glich, politisch sinnvoll zu handeln. Ganze Organisationen werden verdreht oder zerst\u00f6rt; wer sich nicht unterwirft, wird kaltgestellt oder hinausgedr\u00e4ngt \u2013 allein die Linkspartei liefert da Dutzende Beispiele.<\/p>\n<p>Die politische Landschaft der alten Bundesrepublik war bereits eine vor allem mit US-amerikanischer Hilfe gestaltete Theaterkulisse mit gekauften Akteuren, die als erstes eine massive Verfolgung der Kommunisten ben\u00f6tigte, um sich als real zu etablieren. Die politische Landschaft heute ist l\u00e4ngst mehr Simulation als Wirklichkeit, die wahren Interessen der breiten Massen sind vollkommen abwesend und werden nicht einmal mehr erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p>Aber dieser Zustand kann auf Dauer nicht bestehen. Ganz gleich, wie viele Nebelkerzen noch geworfen, wie viele k\u00fcnstliche Dramen bis an die Grenze des B\u00fcrgerkrieges inszeniert werden, die n\u00fcchterne \u00f6konomische Realit\u00e4t setzt sich durch.<\/p>\n<p>Vierzig Jahre lang war der deutsche Imperialismus an die Kandare gelegt; inzwischen spielt er l\u00e4ngst wieder Vabanque, will noch auf den Wellen einer Pandemie weiter auf den Gipfel europ\u00e4ischer Dominanz gelangen, die Konkurrenten auf dem Kontinent nicht nur zur Ader lassen, sondern endg\u00fcltig ausbluten; es wird diesem Versuch nicht anders ergehen als den beiden davor.<\/p>\n<p>Und dann? &#8211; Dann steht wom\u00f6glich kein Hegemon bereit, der die sch\u00fctzende Hand \u00fcber die Hasardeure h\u00e4lt, und es werden sich die einfachen Interessen der einfachen Leute wieder Raum verschaffen. So schwer es momentan auch scheint, das vorhandene Wissen weiterzugeben bzw. zu erhalten \u2013 man sollte niemals untersch\u00e4tzen, wie gut sich selbst mit Bruchst\u00fccken davon errichten lie\u00dfe. Das Strafgesetzbuch der DDR alleine w\u00e4re schon ein guter Grundstein f\u00fcr den neuen Bau.<\/p>\n<p>Hier, im Herzen der Finsternis, sehen wir, wie andernorts die Widerspr\u00fcche aufbrechen und sichtbarer werden. Nicht unser Glied der Kette ist das schw\u00e4chste, es muss nicht verwundern, wenn wir das erste Rumoren als Zuschauer erleben.<\/p>\n<p>Aber niemand kann wirklich die Kr\u00e4fte der Geschichte zum Verschwinden bringen, nicht die finsteren, und schon gar nicht die hellen Seiten.<\/p>\n<p>Das Kapital mag sich Stillstand w\u00fcnschen, aber wir wissen, was schon Engels schrieb: \u201edass Revolutionen nicht absichtlich und willk\u00fcrlich gemacht werden, sondern das sie \u00fcberall und zu jeder Zeit die notwendige Folge von Umst\u00e4nden waren, welche von dem Willen und der Leitung einzelner Parteien und ganzer Klassen durchaus unabh\u00e4ngig sind.&#8220;<\/p>\n<p>Das, was wir mit humanit\u00e4rer Arbeit erreichen k\u00f6nnen, ist nicht mehr als eine Erinnerung an eine menschlichere Existenz.<\/p>\n<p>Wir leisten sie im Wissen um das Verlorene ebenso wie im Wissen um das Zuk\u00fcnftige; um ein wenig der Ehre unseres Volkes zu bewahren, aber auch uns selbst vor diesen geistlosen Zust\u00e4nden zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Die wirkliche Aufgabe lautet nach wie vor, die imperialistischen Kriege ein f\u00fcr alle Mal zu beenden.<\/p>\n<p>So wie Vergangenheit und Zukunft, Notwendigkeit und Hoffnung bei unserem Gedenken ineinander verwoben sind, gibt es nur einen Satz als m\u00f6gliches Fazit: Seid bereit!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liane Kilinc ist Vorsitzende der Friedensbr\u00fccke-Kriegsopferhilfe e.V. \u201eMost Mira\u201c und Mitglied im Berliner Freidenker-Verband. Die Erstver\u00f6ffentlichung des Textes erfolgte im Mitteilungsblatt der Initiativgemeinschaft zum Schutz der sozialen Rechte ehemaliger Angeh\u00f6riger bewaffneter Organe und der Zollverwaltung der DDR e.V. (ISOR), Nummer 08\/2020. Wir danken der ISOR f\u00fcr die Genehmigung zur \u00dcbernahme des Artikels.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Jahr gedenken wir des drei\u00dfigsten Jahrestages der Konterrevolution. Dieses Tages zu gedenken verstrickt in seltsame emotionale Widerspr\u00fcche, denn Gedenktage haben immer etwas von Totenfeiern. Es werden Erinnerungen geteilt, Hinterlassenes sortiert. Es wird gesucht, das Gute vom Schlechten getrennt und das Gute aufbewahrt, um es weiterzureichen. 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