Landesverband Berlin im
Deutschen Freidenker-Verband e.V.

CUI BONO? (Pussy-Riot-Story)

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Von Olaf Brühl (3. Dez. 2012), Berliner FreiDenker

Mit großem Erstaunen und Befremden haben die Berliner FreiDenker zur Kenntnis genommen, dass das Internationale Literaturfestival Berlin (ilb) mehrere Veranstaltungen im Zusammenhang mit den Solidaritäts-Kampagnen für die weibliche Moskauer Punk-Gruppe „Pussy Riot“ (Muschi-Krawall) organisiert. Zu den Teilnehmern am 12. Dezember gehören laut Ankündigung des ilb in Berlin die Bundestagsabgeordnete Marieluise Beck (Bündnis 90/Die Grünen), die Künstlerin Joulia Strauss, sowie die Schauspielerinnen Franziska Herrmann, Tatiana Nekrasov und Nina West. Die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek habe speziell für die Veranstaltung ein Punk-Gedicht eingesprochen. Darüber hinaus soll die als „world-wide-reading“ deklarierte Aktion, die, allerdings nicht ganz so „weltweit“ wie verkündet, an weiteren Orten in sechs Ländern stattfinden: so in Moskau, in einer Kultur-Bar in Toulouse, am City-College von Santa Barbara, im Kleinen Literaturhaus Basel, zwei Orten in Österreich, nämlich dem Freien Radio Innsbruck und im Driesch Verlag Drösing, sowie 9 Orten in Deutschland, so in Rostock, Hamburg, Fulda, Frankfurt/M., Aalen, Saarbrücken und zwei in Berlin. Das Internationale Literaturfestival Berlin ist eine Veranstaltung der Peter-Weiss-Stiftung für Kunst und Politik e.V. und der Berliner Festspiele unter Schirmherrschaft der Deutschen UNESCO-Kommission. – Bereits am 8.9.2012 fand eine Benefiz-Veranstaltung für Pussy Riot im Haus der Berliner Festspiele statt. Die Teilnehmenden waren u.a. Marion Brasch, Jakob Hein, Wladimir Kaminer, Janne Teller und die Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot, sie verzichteten auf ihre Gagen, die Einnahmen werden Pussy Riot zur Verfügung gestellt.

Was war geschehen? Worum im Einzelnen geht es genau? – Am 21. Februar 2012 hatte die russische Punk-Gruppe Pussy Riot in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale in Gegenwart betender Gläubiger maskiert den Altarraum gestürmt um krawallartig den Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche, Kyrill I., als „Hund“ oder „Hure“ zu verfluchen und die Muttergottes Maria anzurufen, damit sie Putin aus dem Kreml vertreibe. – Daraufhin wurden einige der Protagonistinnen dieser „Kunstaktion“ von Sicherheitskräften festgenommen, andere entflohen unerkannt. Der ganze Vorgang wurde mit Kameras aufgezeichnet und ins Internet gestellt. Befragt nach den Motiven für den öffentlichkeitswirksamen Auftritt, lautete die Antwort schlicht: „Hass auf Putin.“

Verhaftung, Prozess und Verurteilung der Protestgruppe wurden von den westlichen Medien mit großer Aufmerksamkeit bedacht. Ein Dutzend TV-Übertragungswagen stand während der Berufungsverhandlung Mitte Oktober vor dem Moskauer Gericht.

Das US-amerikanische Time Magazine zählt nun Pussy Riot zum Kandidatenkreis für die Kür zur "Person des Jahres". "Wann hat das letzte Mal eine Rockband die Welt verändert", fragen die Journalisten von Foreign Policy und setzen Pussy Riot auf Platz 16 – knapp hinter Bundeskanzlerin Angela Merkel – der Liste der hundert einflussreichsten Menschen der Welt! Für die Nominierung zum Friedensnobelpreis kamen die Frauen mit ihrer Aktion zwar um zwei Wochen zu spät, wurden aber nichtsdestotrotz als würdig diskutiert. – Der Jenaer Jugendpfarrer meinte anlässlich des Vorhabens der Stadtgemeinde von Wittenberg, der Punkgruppe den diesjährigen mit 10.000 Euro dotierten „Lutherpreis“ zu verleihen, Pussy Riot sei eine „Ikone der globalen Freiheitsbewegung“…

Warum solches Aufheben von den bis dato unbekannten jungen Frauen? Worin besteht die „Botschaft“ des Auftrittes? Der Patriarch sei ein Hund (oder eine Hure) des Staatschefs. Putin soll von der Heiligen Jungfrau aus dem Kreml vertrieben werden. Besonders aufgeklärt, sinnvoll oder strategisch impulsgebend klingt das eben gerade nicht. An wen richtete sich das „Punk-Gebet“? An die Heilige Jungfrau. Sie scheint – außer den Westmedien – dessen einzige Adressatin zu sein. Ist das Feminismus? Wobei anscheinend gar nicht in Betracht gezogen wird, dass die Protagonistinnen explizit die „Jungfrauschaft“ der „Gottesmutter“ Maria als Ausdruck von „Emanzipation“ verstanden wissen wollen: das wird offenbar mit allen vorauszusetzenden Implikationen einfach großzügig (bzw. völlig kritik- und gedankenlos) übersehen. Welche Alternativen werden beschworen? Keine. Mehr als „Hass auf Putin“ wurde nicht vorgetragen. Dieser Hass bedarf scheinbar gar keiner genaueren Begründung. „Hass auf Putin“ scheint sich selbstredend zu erklären und – wie von der Jungfrau Maria getragen – keiner weiteren Erläuterung zu bedürfen. In diesem Punkt einigt sich der Mittelstand ohne Wenn und Aber.

Und warum nun wegen all dem eine Sonder-Initiative des Internationalen Literaturfestivals Berlin? Normalerweise finden dessen „weltweite“ Lesungen immer zum Jahrestag der Politischen Lüge (sic !) am 20. März statt. Wie begründet das ilb sein Projekt? So: Das ilb habe „…zu einer weltweiten Lesung in Solidarität mit Pussy Riot und den demokratischen Instanzen Russlands am 12. Dezember aufgerufen – dem Tag, an dem im Jahr 1993 durch eine allgemeine Volksabstimmung die Verfassung der Russischen Föderation durch die DUMA angenommen wurde.“

Dieser Verlautbarung fügt das ilb einen bemerkenswerten Satz hinzu, dessen Verstiegenheit nur schwer zu überbieten sein dürfte: „Nicht Pussy Riot unterläuft die Demokratie Russlands, sondern diejenigen, die danach trachten, die Errungenschaften der sanften Revolution zunichte zu machen.“

Allein in diesem Satz steckt so viel geballte Demagogie, dass ein genaueres Hinsehen lohnt: Selbstverständlich ist die angeblich „feministische“ Frauen- und Punk-Gruppe Pussy Riot mit ihren Happenings, so wie irgend eine Art von Kunst oder sonstigem Spektakel, nicht etwas, das irgendwie „Demokratie“ unterlaufen oder verstärken könnte. Dieser Anspruch, falls ihn die Gruppe vertritt, wäre positiv oder negativ nur absurd und größenwahnsinnig. Andererseits vermag auch ein solcher Auftritt keine gesellschaftspolitischen „Errungenschaften zunichte“ machen, wer sollte bzw. könnte dergleichen ihnen vorgeworfen haben? Welche „Errungenschaften“ übrigens? Die Jelzins etwa? Und wer soll es sein, der solche „zunichte“ zu machen unterwegs wäre? Putin?

Der Berliner Aufruf des Literaturfestivals suggeriert, der Protest der Frauengruppe sei im Einklang mit den „demokratischen Instanzen“ Russlands gegen Putin gerichtet, dem demokratische Legitimation somit abgesprochen wird und ein „Zunichtemachen“ von „Errungenschaften“ einer angeblich „sanften Revolution“ unterstellt. Wir erinnern daran, dass Putin von fast 70% der Bevölkerung dieses Riesenlandes mit 144 Millionen Einwohnern in demokratisch korrekt durchgeführten Wahlen gewählt wurde, mithin über einen Grad an Legitimierung verfügt, von dem eine deutsche Kanzlerin allenfalls nur träumen dürfte, die gezwungen ist, ihre Regierung auf Koalitionen zu stützen – und mitnichten das von ihr angemaßte Recht beanspruchen sollte, anderen Regierungschefs Lektionen in Menschenrechten zu erteilen, wenn sie doch selbst gegen den mehrheitlichen Willen ihrer eigenen Bevölkerung Waffenexporte und -Stationierungen in undemokratischen Staaten rechtfertigen zu können glaubt.

Als Freidenker kritisieren wir den Missbrauch des Begriffs der „Revolution“ durch die ilb, da eine Revolution neue gesellschaftliche Strukturen errichtet und nicht alte durch Restauration wieder rückführt: also es sich folglich allenfalls um eine Konterrevolution handeln könnte, ob man die nun begrüßt oder nicht. Welche „Errungenschaften“ von 1993 hätten nun durch Putin „zunichte“ gemacht werden können? Schließlich war es, wie immer man zu ihm stehen mag, Wladimir Putin, der die Russische Föderation vor weiterem Zerfall und politisch-ökonomischer Schwächung, etwa durch autokratische Oligarchen, seither bewahrte.

Bereits am 25. April 2005 allerdings hatte Putin in einer landesweit vom Fernsehen übertragenen Rede vor der Duma diese angebliche „Revolution“ – nämlich den Zerfall der Sowjetunion – als „die größte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts“ bezeichnet. Später konkretisierte er, seine Bemerkung diene zur Verdeutlichung der aus diesem Ereignis entstandenen politischen und sozialen Folgen. – Zu diesen Folgen gehören nicht nur die Kriege in Tschetschenien und Afghanistan, sondern auch in Jugoslawien, im Irak, in Libyen und der Bürgerkrieg in Syrien… All diese Unruheherde ruinierten bereits Millionen Menschenleben und bergen gegenwärtig ausreichend Gefahren, in einen Dritten Weltkrieg zu eskalieren.

Das Berliner Literaturfestival nun führt auf seiner Homepage zu Pussy Riot weiter aus, diese habe „mit ihrer Kunstaktion der Welt gezeigt (…), dass es ein anderes Russland gibt, das sich weder von dieser Kirche, noch von der politisch herrschenden Klasse die Art und Weise ihres Ausdrucks verbieten lässt.“

Auch hier schlägt die Erläuterung des ilb populistisch Purzelbäume, indem es nicht nur künstlerische Freiheiten einklagt, die keine sind, und das, wie wir noch sehen werden, auf heuchlerische und offen verlogene Art, sondern es reklamiert das „andere Russland“ (so wie man gegen das Deutschland der Hitlerfaschisten vom „anderen Deutschland“ der Widerstandskämpfer und Humanisten sprach): stellt also quasi ‚Putins Russland’ mit dem deutschen Faschismus auf eine Stufe und ignoriert gleichzeitig, dass die ganze Aktion der Gruppe und viele der internationalen Solidaritätsbekundungen in Russland bei weiten Teilen der Bevölkerung auf völliges Unverständnis stoßen und abgelehnt wird.

Warum all das? Was ist der wahre Sinn und Anlass des ganzen Aufwandes? Darüber lässt uns das ilb kein Bisschen im Unklaren:

„Angesichts der diktatorischen Züge des Systems Putin, das u.a. mit dem permanenten Veto im UN-Sicherheitsrat im Bund mit China, zuletzt im Fall Syrien, den Gehalt ihres Demokratie- und Menschenverständnisses offenbart, ist die Solidarisierung mit Pussy Riot und den zivilgesellschaftlichen Institutionen, die durch neue Gesetze in Russland kriminalisiert werden, eine europäische, eine internationale Notwendigkeit: Schließlich geht es um die Verteidigung von elementaren Menschenrechten in einer riesigen Region auf unserem Planeten.“

Das ist ein ganzes Bündel Sprengstoff in einem – und wir möchten diese Formulierungen als geistige Brandstiftung kennzeichnen. Wer eigentlich ist mit den „demokratischen, zivilrechtlichen Instanzen Russlands“ gemeint? Putin hatte im Juli 2012, also Monate nach dem Happening von Pussy Riot, die Büros von NGOs, die mit ausländischen Geldern operieren, als Aktionspodien zersetzender Tätigkeiten bishin zu Spionage in Moskau schließen bzw. kontrollieren lassen, um mehrmals jährlich Rechenschaft über die Verwendung fremder Fördermittel einzuholen. Zuwiderhandlungen sollen mit Geld – oder gar Freiheitsstrafen geahndet werden. Doch abgesehen davon, dass das Internationale Literaturfestival Berlin sich zum Interessenvertreter „unseres“ Planeten aufwirft und dabei auf eine „riesige Region“ abzielt, die, mit all ihren gigantischen Ressourcen, offensichtlich noch nicht unter den Zugriffen der westlichen Mächte, insbesondere der USA, aufgeteilt ist, wird hier – obendrein schamlos im Namen der „elementaren Menschenrechte“ – die wahre Zielrichtung des Ganzen unmissverständlich beim Namen genannt: man will den Krieg in Syrien. Als „diktatorisch“ gilt es in solcher Sichtweise folglich, sich gegen Kriegstreiberei zu wenden. Das ist der ausdrücklich benannte, einzig ersichtliche und somit der zentrale Grund.

Denn, so Rainer Rupp am 03.08. in der Jungen Welt, „seit Wladimir Putin Anfang des Jahres wieder das Amt des russischen Präsidenten übernommen hat, hat er keine Minute verloren, um eine weitere Zuspitzung der Lage in Syrien zu verhindern, die durch westliches Abenteurertum und Fehlkalkulation in einen, die ganze Region erfassenden Flächenkrieg eskalieren kann. Auf der Suche nach einer friedlichen Lösung betrieb der Kreml-Chef in den vergangenen Wochen eine umfassende persönliche Diplomatie mit der syrischen Regierung, aber auch mit der sogenannten Opposition, dem hauptsächlich aus westlichen Exilanten bestehenden »Syrischen Nationalrat«. Er führte Gespräche mit dem religiösen Erdogan-Regime in Ankara, dessen Träume, die Türkei in einen Energieknotenpunkt für Westeuropa zu verwandeln, von Russlands Kooperation abhängen; er verhandelte mit US-Präsident Barak Obama hinter verschlossenen Türen und forderte bei seinem Besuch in Israel Ministerpräsident Benjamin Netanjahu zur Mäßigung auf. Das alles mit dem Ziel, eine militärische Intervention zum Regimewechsel in Syrien und das dann im gesamten Nahen Osten folgende Chaos zu verhindern. Zugleich flankierte Putin seine diplomatischen Bemühungen mit entschlossenen Maßnahmen.“

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) hatte die deutsche Marschrichtung auf einen »regime change« in Syrien in einem Welt-Interview deutlich gemacht: »Wie im Jemen könnte – bei allen Schwierigkeiten, die wir dort sehen – die Macht auf einen Übergangspräsidenten übergehen, der einen Neuanfang organisieren müsste.«

Gegen einen Militäreinsatz seitens der westlichen Mächte hält Putin seine Warnung: »Man darf nichts mit Gewalt bewirken.« Eine politische Lösung sei »möglich«, erfordere aber »Geduld«. Russlands EU-Botschafter Vitali Tschichow erklärte, Moskau fühle sich »ungut« an die Situation von 1999 erinnert, als der Westen ohne UN-Mandat Jugoslawien bombardierte.

Das Timing von Pussy Riot hätte kaum perfekter sein können.

Das also sind die wahren Hintergründe für die überraschende Anteilnahme der westlichen Welt am Schicksal junger Künstlerinnen in Moskau und eines ihrer wirren Happenings. Das Berliner Literaturfestival aber führt des Weiteren aus: „In den letzten Wochen und Monaten hat die russische Justiz die Chance vertan, die infame Strafverfolgung von Pussy Riot zu beenden. Nicht nur das Urteil der ersten Instanz und der Revision, sondern auch die Tatsache, dass ein Prozess gegen friedlich protestierende KünstlerInnen geführt wurde, ist ein Skandal.“

Auch hier sollten Fragen angebracht sein, die von den bürgerlichen Mainstream-Medien allerdings kaum gestellt werden: Inwiefern soll die Strafverfolgung von Pussy Riot „infam“ und die „Tatsache, dass ein Prozess gegen friedlich protestierende KünstlerInnen geführt wurde“ ein „Skandal“ sein? Was überhaupt wird den Frauen vorgeworfen? Schlechte Kunst? Belästigung? Kritik an Putin? Protest und Opposition? Beleidigung des Patriarchen? Was hätte der Staat stattdessen tun sollen?

Den Frauen wird Hausfriedensbruch, Störung eines öffentlichen religiösen Raums und unbotmäßiges Verhalten vorgeworfen, Blasphemie, Randale. Es ist kein überraschender Vorwurf. Im Übrigen empört sich das ilb über einen Straftatbestand, der in Berlin ganz genauso gegeben wäre – und zufälligerweise gegeben war: "Wer den Gottesdienst oder eine gottesdienstliche Handlung einer im Inland bestehenden Kirche oder anderen Religionsgesellschaft absichtlich und in grober Weise stört oder an einem Ort, der dem Gottesdienst einer solchen Religionsgesellschaft gewidmet ist, beschimpfenden Unfug verübt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu 3 Jahren, oder mit Geldstrafe bestraft." Das ist das Argument des in der Bundesrepublik geltenden § 167 StGB, das den Text des Berliner Literaturfestivals eindeutig als Lüge und Heuchelei entlarvt. Aber dieses dröhnt vollmundig: „Er ist signifikant für das System Putin, dass ganze Generationen künstlerisch, kulturell und zivilgesellschaftlich mundtot gemacht werden und in dem Menschenrechtsverletzungen, sowie das teils gewaltsame Vorgehen gegen die Opposition zunehmen.“ – Immerhin mussten erst im Jahr 2005 wegen Randale in der Berliner St.-Hedwigs-Kathedrale und in der Marienkirche Andreas Roy für 17 Monate hinter Gitter, Christian Arnhold für 10 Monate. Nicht genug damit, „am Sonntagmorgen, dem 19. August, störte eine maskierte Gruppe von drei Sympathisanten den Gottesdienst im Kölner Dom. Zu Beginn des Hochgebetes stürmten sie nach Darstellung von Besuchern mit bunten Kostümen in Richtung Altar. Mit gebetsartigen Gesten und lauten Parolen versuchten sie, die Eucharistiefeier zu unterbrechen. Von Sicherheitskräften hinausgedrängt, setzten die drei Demonstranten vor dem Hauptportal des Doms ihre Protestaktion mit einem Transparent «Free Pussy Riot» fort. Wie die Kölner Polizei auf Anfrage mitteilte, wurde gegen die drei Störer Strafanzeige wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz, Hausfriedensbruch und wegen Störung der Religionsausübung gestellt. Außerdem wurden drei Platzverweise erteilt“ (Quelle: das unabhängige, katholische, österreichische Internetmagazin KATH.NET).

Wäre das Literaturfestival Berlin auch nur im geringsten an den vorgebrachten Punkten zu Pussy Riot interessiert, müsste es selbstverständlich ohne Umstände die drei Kölner Demonstranten in ihre Solidaritätsaktion einbeziehen und sich mit nicht geringerer Vehemenz und politischer Schärfe auch gegen deren strafrechtliche Verfolgung und Verurteilung – sowie für die Freiheit ihres „friedlichen Protestes“ einsetzen, dessen Ausdruck sie sich weder von Staat noch Kirche verbieten und „mundtot“ machen lassen würden. Doch davon kann so wenig eine Rede sein, wie von einem Interesse des ilb an irgendwelchen Fragen nach den „elementaren Menschenrechten“ außerhalb jener „riesigen Regionen unseres Planeten“, wo die Hegemonialmacht der USA noch nicht errichtet ist. Interessanterweise sind die Länder, für die sich das ilb interessiert, just jene Länder, für die sich das Pentagon interessiert: Afghanistan, Irak, Iran usw. Die „diktatorischen Züge“ des Systems Berlusconi in Italien standen jedenfalls nie auf dem Veranstaltungsplan des ilb, geschweige denn die „diktatorischen Züge“ des Systems Brüssel und das daraus folgende Elend der Völker etwa von Griechenland, Portugal und Spanien…

Als die deutsche Kanzlerin Merkel (CDU) just am 9. November (!) vor der Presse in Moskau das Strafmaß der Mitglieder von »Pussy Riot« bemängelte, und meinte, ein Auftritt wie der der russischen Gruppe in einer Kirche würde auch in Deutschland »Diskussionen« hervorrufen, »aber dass man dafür zwei Jahre ins Straflager muss, das wäre in Deutschland nicht passiert«, wurde von Putin mit dem Hinweis zurecht gewiesen, dass eine der Frauen zuvor an einer antisemitischen Aktion teilgenommen hatte. »Wir und ich können keine Leute unterstützen, die antisemitische Positionen zur Schau stellen«, sagte Putin. Er erkundigte sich, ob Merkel wisse, »dass eine dieser Frauen vor dieser Aktion eine Judenpuppe aufgehängt und erklärt hatte, von solchen Menschen müsse man sich befreien.«

Was sagt das ilb dazu? Nichts. Antisemitismus ist offenbar kein Thema, wahrheitsgemäße Information sowieso nicht. Die aggressive Geladenheit der symbolischen Aktion voll puren rassistischen Hasses scheint dem Literaturfestival schnuppe zu sein.

Indessen die USA an drei Kriegsschauplätzen auf anderen Kontinenten zugange sind, sie mit Guantanamo eines der skandalösesten außerjuristischen Foltergefängnisse der Welt unterhalten und mit der neuesten Teufelswaffe unserer Epoche, den unbemannten Drohnen, bereits an die 4000 Menschenleben auslöschten, solidarisiert sich in braver Gefolgschaft zu deren Hegemonialpresse die Mittelklasse der Westlichen weißen Welt mit der absurden und verächtlichen Aktion einer Girl-Punk-Group.

Was denn sagt ein ilb zur Inhaftierung von Demonstranten gegen den US-amerikanischen Einsatz von Drohnen bei der Air Force (siehe http://www.commondreams.org/headline/2012/11/29)? Es sagt: Nichts. Denn es interessiert sich nicht für Inhalte, nicht für Pussy Riot, es interessiert sich nur für die Stossrichtung der westlichen Machtinteressen, all jener begehrlichen Kräfte, denen eine Destabilisierung Russlands nach Art Weißrusslands, Afghanistans oder Vorderasiens Aussichten auf lukrativen Zugriff auf dessen Ressourcen und Märkte versprechen würde. Und dafür bedient es sich Pussy Riot, denn diese lassen sich mühelos und ohne beschwerliche Sinnorientierung zum Idol stilisieren.

Während die Verurteilten, bei vermindertem Strafmaß, es gab auch eine Begnadigung, ihre Haft absitzen, laufen PR und Marketing der Gruppe weltweit auf vollen Touren. Autorisiert oder nicht, werden Artikel, Bücher, CDs, DVDs auf den Markt geworfen, auch in Deutschland. Der Nautilus-Verlag ist sich nicht zu schade, eine entsprechend unangestrengt zusammen geschusterte Montage zu publizieren. Selbst Madonna verkauft T-Shirts, 19.95 $ pro Stück, deren Erlös Pussy Riot überwiesen werden soll.

Freilich werden im Interesse rechter Kräfte pseudo-linke, antiautoritäre Imagos recht banal und leicht bedient: romantisches Revoluzzertum, die attraktiven Gesichter der trotzig dreinblickenden jungen Frauen mit ihren Schmollmündchen sind ein gefundenes Fressen für ihre geschickte Apotheose als sexy „Kunst“-Rebellinnen, die mit ihren Muschis „provozieren“ (in Wahrheit aber kleinbürgerliche Ehen führen und modische T-Shirts aus dem Westen konform zur Schau tragen): Einzelkämpferinnen gegen den skrupellos autoritären „Diktator“ einer militärischen Großmacht. Diffuse Anarchogefühle und das Punk-Image mischen sich zu einer kritikfreien Projektionsfläche, für die freilich Nachdenklichkeit nicht weiter erforderlich ist. Dass hinter diesen Mechanismen neoliberale Ideologien und eine aggressive, geradezu faschistische Kampagne stehen, bleibt der Mehrheit unklar. Im Zerrbild „Putin“ gerinnen Klischees vom finsteren Bojarenreich, Stalindämonisierung und KGB zum per se inhumanen Machtmonster. Seine Friedensbemühungen global zu verdunkeln, ist Sinn und Zweck der Kampagne: Rechtfertigung militärischer Aktionen gegen Syrien – und Folgende.

„Inhaftierte Feministinnen im NATO-Partnerland Türkei würden sich schon über halb so viel Aufmerksamkeit freuen“ (Claudia Wangerin). – Doch das Reden von Pussy Riot ist eindeutig und entschieden das in der Tat signifikante, ja, infame Schweigen über die Julian Assange oder Bradley Manning, deren Handeln im Interesse globaler Menschenrechte durch Entzug der mindesten demokratischen Bürgerrechte geahndet wird. Assange schwebt in Lebensgefahr. Manning wird gefoltert und unter menschenunwürdigen Bedingungen in Haft gehalten. Beide waren für den Friedensnobelpreis nominiert. Beide haben millionenfach brutale Verstöße der US-Army gegen die elementarste Menschlichkeit und das sog. Kriegsrecht aufgedeckt, Informationen über Verbrechen, zynisch kommentiert, die kriegspropagandistische Demagogie entlarven und erschweren. Beide, Assange und Manning, sind zu weltweit beachteten Helden geworden, die den Dienst an Aufklärung und Humanität für wichtiger hielten, als persönliche Vorteile und private Unversehrtheit. Ihnen gebührt unser Respekt und ihrem Tun unsere Aufmerksamkeit.

Dieser Beitrag wurde am Freitag, 07. Dezember 2012 um 21:00 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Kultur, Standpunkte abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen.

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