Landesverband Berlin im
Deutschen Freidenker-Verband e.V.

Elbe Tag – Demonstration in Torgau am 24. April 2021

Dienstag, 06. April 2021 von Webredaktion

Der Deutsche Freidenker-Verband unterstützt die Initiative der DKP und anderer Organisationen, den Jahrestag des Zusammentreffens der Roten Armee und US-amerikanischer Truppen in Torgau 1945 zu einer Manifestation für den Frieden mit Russland und China und gegen die Konfrontationspolitik der NATO zu machen.

DEMONSTRATION AM 24. APRIL 2021

12:00 Uhr am Brückenkopf / Ostufer – Elbbrücke – Torgau Markt – Denkmal der Begegnung


Der Aufruf der Veranstalter

„Wir versprachen einander, dass die Nationen der Erde in Frieden leben sollten und müssten“,

berichtete der amerikanische Schütze Joe Polowsky über seine Begegnung mit sowjetischen Soldaten am 25. April 1945 in der Nähe von Torgau. Sein Grab, das sich in der Elbe-Stadt befindet, zeugt noch immer von seinem lebenslangen Engagement für Frieden und Versöhnung der Völker. Der Schwur von Joe Polowsky und seinen Kameraden ist eine eindringliche Mahnung.

Vor achtzig Jahren überfiel Nazideutschland heimtückisch und mit der Absicht totaler Vernichtung die Sowjetunion. Die imperialistische Invasion Japans in China dauerte bereits einige Jahre. Unermessliches Leid wurde durch den zweiten Weltkrieg über die Menschheit und die Völker gebracht, das deutsche Volk eingeschlossen. Trotzdem werden die Kriegstrommeln wieder gerührt. Dagegen ist vehementer Protest angesagt.

Die Bedrohungslüge gegenüber Russland und China ist uralt. Darauf beruhende Politik hat dem deutschen Volk nur Unheil und Leid gebracht. Die Nato und die EU brauchen diese Lüge, deren heutige Verbreitung schon an die faschistische Propaganda erinnert, um ihr eigenes Weltherrschaftsstreben zu verschleiern. Der deutsche Imperialismus ist mit tonangebend.

Der Schwur von Torgau muss lebendiges Zeugnis unseres Strebens nach einer Welt ohne Krieg, nach Frieden bleiben. Auf dass die Völker ihre Hände reichen uns wie andern Völkern hin. Es ist die Pflicht eines jeden von uns, Widerstand gegen die Kriegspolitik der Bundesregierung und die NATO-Provokationen zu leisten.

RAUS AUS DER NATO! –

FRIEDEN MIT RUSSLAND UND CHINA!


Hände weg von Russland und China heißt – Hände weg vom Ostermarsch!

Dienstag, 23. März 2021 von Webredaktion

Eigentlich wäre mit dem Aufruf zum diesjährigen Ostermarsch nur unsere inhaltliche Kernaussage mitzuteilen: „Hände weg von Russland und China!“.

Aber in diesem Jahr heißt das, um diese Aussage überhaupt vertreten zu können, ganz entschieden: „Hände weg vom Ostermarsch!“.

Wir hatten im Januar schon erlebt, wie die Aussetzung unserer Grundrechte sich bis zum Tag der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration ausdehnte, deren Stilles Gedenken am 10. Januar extrem eingeschränkt stattfand.

Ebenfalls unter dem Vorwand eines „Gesundheitsschutzes“, der unter der deutschen „Coronapolitik“ täglich ad absurdum geführt wird, soll nun unser demokratisches Versammlungsrecht zu den Ostermärschen ausgesetzt werden. Bundeskanzlerin Merkel und ihre 16 Ministerpräsidenten haben die Anordnung eines Ansammlungsverbots über die Ostertage, vom 1.-5. April beschlossen – also genau für die Tage der diesjährigen Ostermärsche. Angesichts dessen gibt es nur eine Antwort: Heraus zu den Ostermärschen!

Auch wir Berliner Freidenker rufen also unsere Mitglieder und Freunde zum diesjährigen Berliner Ostermarsch auf:

am

Samstag, den 3. April, ab 13 Uhr

der Auftakt ist am Rosa-Luxemburg-Platz

Wir werden mit zwei Transparenten vertreten sein:

  1. Kein Aufmarschgebiet gegen Russland
  2. Frieden und Zusammenarbeit mit Russland und China

Damit sind Kern-Forderungen zum Ausdruck gebracht, um die es nach unserer Auffassung gehen sollte.

Dass unsere Losung „Kein Aufmarschgebiet gegen Russland“ sobald nicht veraltet, war 2019-2020 klar.

Während des „ersten Coronajahres“ gab es nicht einen Monat, an dem Deutschland nicht weiter zum Aufmarschgebiet gegen Russland gemacht wurde.

Von diesem Monat nun, März 2021, bis in den Juni wird das US-geführte Großmanöver Defender-Europe 21 durchgeführt, das vor allem in Mittel- und Osteuropa stattfindet. Deutschland wird wieder Drehscheibe für umfangreiche Truppenbewegungen. Ein unvollständiger Überblick findet sich hier:

https://de.rt.com/europa/114758-unerschutterliches-bekenntnis-zur-nato-defender-beginnt/

Wir weisen darauf hin, dass auch erstmals mehr als 200 Soldaten der U.S. Air Force mit einer B1-Bomber-Staffel für einen in den kommenden Wochen stattfindenden „Übungseinsatz“ auf den Flughafen Orland nach Norwegen verlegt werden.

US-Präsident Biden war kaum ins Amt eingesetzt, als innerhalb kürzester Zeit eine geballte Offensive, insbesondere gegen China und Russland, der entschlossensten us-amerikanischen Kriegstreiber mitsamt ihren Verbündeten einsetzte. Eindrucksvoll zeigten leider auch Funktionäre der Linkspartei und auch „Friedenskräfte“ ihre enthusiastische Begrüßung der altbekannten Kriegstreiberfraktion um Clinton, Obama und Biden. So etwa Dietmar Bartsch, Kovorsitzender der Fraktion Die Linke im Bundestag in einer Pressemitteilung zum Ausgang der US-Präsidentenwahl: „Glückwunsch! Es hat für Joe Biden gereicht, das ist gut. Es kehrt Rationalität zurück in die US-Politik…“. Das voraussehbare Ergebnis dieser „Rationalität“ äußerte sich sofort in neuen völkerrechtswidrigen Bombenangriffen gegen Syrien und einer grausamen Offensive der euro-atlantisch koordinierten ukrainischen Faschisten gegen den Donbass, die offenbar auf die endgültige Zerfetzung des Minsker Abkommens zielt.

Ein nahezu unzurechnungsfähiger US-Präsidentendarsteller, der aber immer noch in der Lage ist, die von seinen Beratern vorformulierten Provokationen friedliebender Staatsoberhäupter vom Teleprompter abzulesen, zerstörte in jüngster Zeit alles, was die „internationale Gemeinschaft“ noch als diplomatische Gepflogenheiten und Umgangston kannte – nachdem schon zuvor die Diplomatie weitgehend durch Sanktionen, als Vorstufe des Krieges, ersetzt worden war. Russlands Präsident Putin wurde von Biden zum „seelenlosen“ „Mörder“ entmenscht, der „die Rechnung zu zahlen“ habe, beim US-chinesischen Gipfel in Anchorage/Alaska setzte US-Außenminister Blinken zu einer außerprotokollmäßigen Verleumdungstirade gegen die chinesische Regierung an, bevor die Konferenz überhaupt begann.

Die neue US-Administration stürzt sich dabei in das für den Weltfrieden überaus gefährliche Abenteurertum, China und Russland gleichzeitig anzugreifen. Die US-Regierung und ihre Gefolgsleute glauben offenbar, es bestünden noch Zeiten, da man China und Russland gegeneinander ausspielen könne. Das ist nicht der Fall – beide Länder kooperieren immer wirksamer miteinander – auf allen Ebenen, auf Augenhöhe. Zugleich sucht das Biden-Regime mit seiner Einkreisungs-Strategie sämtliche nachbarschaftlichen Konflikte gegen diese Länder anzuheizen. Aber die jetzige weltpolitische Lage bringt eben auch den Hoffnungsstrahl, dass die nichtimperialistische Seite zunehmend gemeinsame Antworten gegen diese Front findet. Nicht nur militärisch und politisch, sondern auch wirtschaftlich. So folgte auf die Provokationen von Alaska sogleich der Besuch des russischen Außenministers Lawrow in China, in dessen Verlauf er die Abkehr beider Länder vom US-Dollar anregte. Lawrow sagte dort auch: „Wir sollten eine maximal breite Koalition der Länder bilden, die sich grundsätzlich gegen diese ungesetzliche Praxis stemmen können.“

Das unterstützen wir Freidenker und meinen, es sollte ins Zentrum einer deutschen Friedensbewegung gerückt werden. Wir begrüßen jeden tieferen Zusammenschluss der nichtimperialistischen Seite, dessen Kern die stetig verbesserte Zusammenarbeit von China und Russland ist. Aber wir haben hier in Deutschland die Aufgabe, jeder Spaltung dieser Zusammenarbeit, jedem Auseinanderdividieren Russlands und Chinas (und beider gegen ihre Nachbarn) im Hinterland des Merkel-Scholz-Regimes entgegenzutreten. Dem dient unser zweites Transparent: „Frieden und Zusammenarbeit mit Russland und China“.

Selbstverständlich umfasst das auch solche Aspekte wie ein eindeutiges JA! zu „Nordstream 2“ oder der „Neuen Seidenstraße“. Wir hoffen, dass unsere Orientierung klar verstanden wird, betonen, um Mißverständnisse auszuschließen, aber auch folgendes: Wenn wir in diesem Sinne uns auch für die Zulassung und freie Wahl russischer, chinesischer, cubanischer Impfstoffe (bei voller Übernahme der Kosten durch Staat/Krankenkassen!) einsetzen, dann ist das keineswegs als generelle Zustimmung zu der in sich vollkommen widersprüchlichen und unwissenschaftlich geführten Impfpropaganda von Bundesregierung und EU zu verstehen. Wir sind allerdings der Auffassung, dass jeder Keil, der in dieses Regime getrieben werden kann, auch hineingetrieben werden muss und vertreten in diesem Sinne die Selbstbestimmung in der Wahl und der Nichtwahl von Impfstoffen.

Abermals um jedes Mißverständnis auszuschließen: Wenn wir Freidenker gegen jeden Versuch stehen, Russland und China gegeneinander auszuspielen, dann tun wir das nach allen Seiten – ob solche Versuche nun von den NATO-Bütteln kommen, oder ob sie, was leider auch vorkommt, die berechtigte Opposition gegen die deutsche Coronapolitik im antichinesischen oder antirussischen Sinne instrumentalisieren und manipulieren. Wir stehen ohne Zungenschlag und ohne „Wenn und Aber“ zur chinesisch-russischen Initiative der multipolaren Weltordnung.

Diese Kern-Aussagen sind für uns nicht nur Außenpolitik, sondern innenpolitische Verpflichtung, als Beitrag zu einer Friedensbewegung hier in Deutschland.

Wir wissen aufgrund der Behinderung lebendiger Diskussionen nicht bis ins einzelne, was uns bei diesem Ostermarsch erwartet, was andere Mitstreiter dort für Schwerpunkte setzen mögen. Wir wissen ja nicht einmal, ob er in vorgesehener Form stattfinden wird. Unsere Antwort ist in jedem Fall: Jetzt erst recht am 3. April ein Zeichen setzen! – und das auch in Solidarität mit jenen, die sich seit Monaten die erschwerte Mühe der Vorbereitung machten, damit es einen Ostermarsch 2021 geben kann. Wir halten es für geboten, dass wir in Eigenverantwortung unsere Losungen in irgendeiner Form setzen:

Kein Aufmarschgebiet gegen Russland!

Frieden und Zusammenarbeit mit Russland und China!

Und unsere Grundorientierung:

Raus aus der NATO – NATO raus aus Deutschland!

Nein zur EU!

Um nun einem letzten Mißverständnis vorzubeugen: Wenn wir aufrufen, Widerstand gegen ein Aussetzen der Ostermarschversammlungen zu leisten, tun wir das nicht selektiv. Wir setzen uns für jede Wahrnehmung des Versammlungsrechts ein – gerade auch gegen die deutsche Corona-Politik, die inzwischen aus verschiedensten Gründen ein unerträgliches Joch für die Bevölkerungsmehrheit ist, das abgeschüttelt werden muss. Wir wenden uns gegen jede Aushebelung der anderen Grundrechte im Namen eines angeblich übergeordneten „Rechts auf Leben“, von dem die Bundesregierung und große Teile der Opposition tagtäglich zeigen, dass sie die ersten sind, es zu mißachten.

Der Landesvorstand der Berliner Freidenker

Offener Brief

Mittwoch, 17. März 2021 von Webredaktion

Eduard Mader

Quittenring 17

16321 Bernau

 

Bundesministerium für Gesundheit

Bundesgesundheitsminister Herr Jens Spahn

11055 Berlin

 

Bitte um Zugang zum russischen Impfstoff Sputnik V

 

Bernau, 01.03.2021

Sehr geehrter Herr Minister Spahn,

 

seit Jahrzehnten nehme ich an den jährlichen Grippeschutzimpfungen teil.

 

Gegen das ansteckende Corona-Virus würde ich mich auch gerne impfen lassen, auch weil ich mit 85 Jahren zur Risikogruppe 1 zähle.

 

Seit Wochen verfolge ich die Informationen zur Pandemieentwicklung und zum Impfgeschehen.

 

Mich plagen nun ernste Zweifel an den in der EU vorgesehenen Impfstoffen und an der bisherigen Impfkampagne.

 

Als mündiger EU-Bürger bin ich der Ansicht, dass ich mir nicht von Brüssel vorschreiben lassen muss, womit ich geimpft werde. Zu einem Impfstoff, der mit Lizenzen behaftet ist und nur dem Gewinnstreben dient, habe ich kein Vertrauen.

 

Der russische Impfstoff Sputnik V wird weltweit mit guten Ergebnissen eingesetzt und ist einfacher zu handhaben als die von der EU georderten Impfstoffe.

 

Aus diesen Gründen bitte ich Sie mir mitzuteilen, auf welchem Weg ich Zugang zum russischen Impfstoff erhalten kann. Ich bin bereit, diesen auch käuflich zu erwerben.

 

Mit freundlichen Grüßen

gez. Eduard Mader

Zum 123. Geburtstag von Bertolt Brecht

Mittwoch, 10. Februar 2021 von Webredaktion

DAS PROLETARIAT IST NICHT MIT EINER WEISSEN WESTE GEBOREN

(…)

Wenn die Bourgeoisie nicht mehr fähig ist, die Kultur zu organisieren, wie sie nicht mehr fähig ist, die Produktion zu organisieren;

wenn die alten Beschwörungen niemand mehr hört, weil jedermann durch die Schreckensrufe der Vergewaltigten und Hungernden taub geworden ist;

wenn Friedensliebe Schwäche bedeutet, Güte Selbstaufopferung;

wenn die Arbeiter, die ungeheure Mehrzahl der Bevölkerung, die Wahrheit nicht mehr sagen dürfen und die Unwahrheit hören müssen;

wenn die Nation ein Gegenstand der Verachtung, der Dienst für sie ein Verbrechen geworden ist;

wenn die Erzieher die Handlanger der Totengräber sind, die Erziehung nur Abgerichtete oder Hingerichtete hinterläßt;

wenn öffentliche Dienste nur durch Erpressung erreicht werden können und die Erpressung an der körperlichen Schwächung der Erpreßten scheitert;

wenn die Belehrung nur mehr den Belehrenden nützt, den Belehrten schadet, wenn sie dann nicht einmal den ersteren mehr nützt;

wenn die Musik dem Massenmord aufspielt, der Roman ihn verherrlicht, die Philosophie ihn begründet;

wenn die Korruption nicht mehr geheimzuhalten ist, ihre Abstellung keine Linderung des Elends mehr bedeutet;

wenn der Unterschied zwischen den Zuchthäusern und den Wohnhäusern für die Arbeiter so gering geworden ist, daß man in den ersteren, um noch damit schrecken zu können, die Folterung einführen muß;

wenn die Tugenden dazu herhalten sollen, die Verbrechen der Oberen zu begleichen;

wenn das Volksvermögen der Vernichtung des Volkes durch den Krieg dienstbar gemacht wird;

wenn der Krieg die letzte Ausflucht der Wirtschaft geworden ist und nicht mehr gewonnen werden kann …

Kurz: wenn die Kultur, ganz und gar zusammenbrechend, über und über befleckt ist, fast schon ein System von Flecken, eine wahre Sammelstelle von Unrat;

wenn die Ideologen zu verkommen sind, die Eigentumsverhältnisse anzugreifen, aber auch zu verkommen, sie zu verteidigen, so daß sie von den durch die willig, aber schlecht bedienten Herren weggejagt werden;

wenn die Wörter und Begriffe mit der Sache, dem Tun und den Verhältnissen, die sie bezeichnen, überhaupt kaum noch zusammenhängen, so daß man diese letzteren ändern kann, ohne die ersteren ändern zu müssen, oder die Wörter ändern kann und Sache, Tun und Verhältnisse im alten Stand belassen werden;

wenn der nicht zum Töten Bereite keine Hoffnung mehr haben darf, mit dem Leben davon zu kommen;

wenn die geistige Tätigkeit so eingeschränkt wird, daß der Prozeß der Ausbeutung selbst darunter leidet;

wenn den Charakteren nicht mehr die Zeit zugestanden werden kann, die sie zum einfachen Umfallen brauchen;

wenn der Verrat nichts mehr hilft, die Gemeinheit nichts mehr einbringt, die Dummheit niemanden mehr empfiehlt;

wenn selbst der unersättliche Blutdurst der Pfaffen nicht mehr ausreicht und sie weggejagt werden müssen;

wenn nichts mehr zu entlarven ist, weil die Unterdrückung ohne die Larve der Demokratie, der Krieg ohne die der Friedensliebe, die Ausbeutung ohne die der freiwilligen Zustimmung der Ausgebeuteten einherschreitet;

wenn die blutigste Zensur jedes Gedankens herrscht, aber überflüssig ist, denn es werden keine Gedanken mehr gedacht;

so kann die Kultur vom Proletariat in demselben Zustand übernommen werden wie die Produktion: in zerstörtem Zustand. Denn auch die Produktion bekommt es nur, wenn sie entwertet ist, durch Krieg oder Krise heruntergewirtschaftet, und das Proletariat selber muß sich an dieser Zerstörung beteiligen.

Niemand kann doch erwarten, daß es sich bei diesem Erben um ein friedliches fleißiges Hereinschaffen herrenlos im Regen stehengelassener Güter handeln könnte.

Bertolt Brecht

„Weltweites Atomwaffenverbot“ – Weg oder Ziel?

Donnerstag, 28. Januar 2021 von Webredaktion

Vorbemerkung:
Der Atomwaffenverbotsvertrag wurde im Juli 2017 von einer Mehrheit der UNO-Mitgliedstaaten angenommen. 50 Staaten müssen ihn ratifizieren, damit er in Kraft treten kann. 51 Staaten haben ihn inzwischen ratifiziert und so konnte der Vertrag am 22. Januar 2021 in Kraft treten. Weitere Staaten, die selbst keine Atomwaffen haben, anstreben oder auf ihrem Territorium lagern, werden ihn noch ratifizieren. Keiner der Atomwaffenstaaten wird sich dem Vertrag anschließen.

Im Folgenden der Text eines Vortrages von Doris Pumphrey, gehalten bei den Berliner Freidenkern im März 2019. Obwohl inzwischen knapp 2 Jahre alt, ist die Ausarbeitung weiterhin aktuell, denn es geht darin vor allem um grundsätzliche Aspekte der Atomwaffen, die geschichtliche Entwicklung, die Rolle der Abschreckung und die politische Einschätzung des Atomwaffenverbots in den heutigen und absehbaren internationalen Beziehungen und als Kampagne in der Friedensbewegung.

Atomwaffenverbot: Weg oder Ziel?
Politische Deeskalation ist der dringendste nächste Schritt

Von Doris Pumphrey, März 2019

Das Verbot von Atomwaffen klingt sympathisch und verlockend. Wer würde dem gefühlsmäßig nicht zustimmen? Doch kann es unter den gegenwärtigen und absehbaren internationalen Realitäten tatsächlich weiterführen, um die Welt sicherer zu machen?

Der Atomwaffenverbotsvertrag soll hier nicht im Einzelnen besprochen werden. Hinzuweisen wäre, dass sich der Verbotsvertrag nicht gegen bestehende Verträge zu Atomwaffen richten soll und dass Unterzeichnerstaaten aus dem Vertrag auch wieder austeigen können.

Zur Unterzeichnung des Vertrages organisiert die International Campaign to Abolish Nuclear Weapons (ICAN) eine internationale Kampagne – auch in Deutschland.

ICAN Deutschland (1) nennt verschiedene Gründe für das Verbot von Kernwaffen:
Humanitäre und ökologische: Seit Hiroshima und Nagasaki weiß die Menschheit, dass nukleare Waffen grausame Massenvernichtungsmittel sind und die Umwelt zerstören. Darüber kann es keinen Dissens geben.

Wirtschaftliche: Unbestreitbar ist, dass Atomwaffen, vor allem die Trägersysteme, wie die konventionelle Rüstung viel Geld kosten, die für andere Bereiche benötigt werden.

Sicherheitsgründe: Laut ICAN seien Atomwaffen „in keiner Weise hilfreich gegen aktuelle reale Bedrohungen unserer Sicherheit, etwa Terrorismus, Klimawandel, extreme Armut, Überbevölkerung, Ressourcenknappheit und Krankheiten.“ Das würde vermutlich auch niemand behaupten wollen.

ICAN meint ziemlich sicher voraussagen zu können, dass, solange Atomwaffen existieren, sie auch wieder eingesetzt werden, „entweder absichtlich oder unabsichtlich“ und schreibt: „Auch die Militärdoktrin der Atomwaffenstaaten sehen allesamt sehr realistische Einsatzszenarien vor.“

Dazu sei angemerkt: Es gehört nun mal zur ureigensten Aufgabe von Streitkräften realistische Einsatzszenarien, auch atomare, auszuarbeiten, um auf jeden denkbaren Fall vorbereitet zu sein. Aber zwischen Planung und Ausführung steht die politische Verantwortung und Entscheidung.

ICAN verweist zu Recht auf die Gefahr von Unfällen oder Fehleinschätzungen. Neben dokumentierten Einzelfällen, spricht ICAN allerdings auch von „vielen unbekannten Einzelfällen“, in denen Atomwaffen „fast aus Versehen“ eingesetzt wurden. Unbekanntes lässt sich weder quantifizieren noch verifizieren. Gerade wenn es um so gravierende Risiken geht, sollte man sich vor Mutmaßungen und Übertreibungen hüten.

ICAN schreibt, Atomwaffen seien keineswegs ein „Garant für Frieden“. Das „Narrativ“ die atomare Abschreckung hätte während des Kalten Krieges den Frieden bewahrt, sei „weder rational begreifbar noch empirisch belegbar“.

Atomwaffen per se garantieren natürlich keinen Frieden. Nun hat aber die Geschichte keinen Rückwärtsgang. So schuf die Existenz der Atomwaffen die Notwendigkeit des strategischen Gleichgewichts und der gegenseitigen nuklearen Abschreckung. Dass die atomare Abschreckung verhindert hat, dass aus dem kalten ein heißer Krieg wurde, kann vielleicht etwas begreifbarer werden, wenn man sich diese Geschichte ein wenig näher ansieht.

Geschichte der Atomwaffen

Kurz vor Beginn des 2. Weltkrieges gelang Forschern in Deutschland die erste Spaltung eines Atomkerns. Wissenschaftler, die aus Deutschland geflohen waren, befürchteten, dass die Nazis die Forschungen fortsetzen, um sie militärisch zu nutzen. Sie baten Albert Einstein, US Präsident Franklin D. Roosevelt vor dieser Gefahr zu warnen und ihn anzuregen selbst Vorkehrungen zu treffen. Seinen Brief vom 2. August 1939 bereute Einstein später. “Hätte ich gewusst, dass es die Deutschen nicht schaffen würden, eine Atombombe herzustellen, ich hätte keinen Finger gerührt”, erklärte Einstein als die Auswirkungen des Atombombenabwurfs auf Japan bekannt wurden.

Einsteins Brief hatte wahrscheinlich dazu beigetragen, dass in den USA das sogenannte Manhattan-Projekt entstand, in dem ab 1942 an der Entwicklung der Atombombe gearbeitet wurde.

Als der erste Atombombentest näher rückte, versuchten einige der am Manhattan-Projekt beteiligen Wissenschaftler, darunter auch Leó Szildárd, Präsident Harry S. Truman vor dem Einsatz zu warnen. Truman verwies sie an seinen damaligen Berater James F. Byrnes, dem späteren US-Außenminister. Über das Treffen am 28. Mai 1945 schrieb Leó Szildárd später: „Byrnes war damals sehr besorgt über den steigenden Einfluss Russlands in Europa und war der Ansicht, dass unser Besitz und die Demonstration der Atombombe den Umgang mit Russland in Europa erleichtern würden.“

Bezeichnend ist auch, dass für Brigade General Leslie Groves, der im September 1942 die militärische Leitung des Manhattan-Projekts übernahm, Russland von Anfang an der Feind war: „Etwa zwei Wochen nachdem ich die Leitung des Projekts übernommen hatte, zweifelte ich keinen Moment mehr daran, dass Russland unser Feind war und das Projekt auf dieser Grundlage durchgeführt wurde.“ (2) Das erklärte er während der Schlacht um Stalingrad.

Um den ersten Atombombentest abzuwarten, ließ Präsident Truman den Beginn der Potsdamer Konferenz um zwei Wochen verschieben, in der Hoffnung Josef W. Stalin zu überraschen und durch diese Machtdemonstration einzuschüchtern. Der Test am 16. Juli 1945 war erfolgreich, am 17. begann die Potsdamer Konferenz. Überrascht war nicht Stalin, sondern Truman, denn Stalin blieb von der Nachricht unbeeindruckt.

Die sowjetische Regierung war schon lange über das Manhattan-Projekt informiert. Antifaschisten bzw. Kommunisten – wie Klaus Fuchs, Theodore Hall and David Greenglass, wissenschaftliche Mitarbeiter im US-Manhattan-Projekt – hatten die technischen Informationen der Sowjetunion zukommen lassen.

So wie Albert Einstein und Leó Szildárd wollten, dass die USA den Nazis mit der Atombombe zuvorkommen, so wollten die Antifaschisten verhindern, dass ein Atomwaffenmonopol der USA diese zu einem Angriff gegen die Sowjetunion verleiten könnten.

Die US-Propaganda, erst der US-Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 hätte Japan zur Kapitulation gezwungen, diente der Rechtfertigung für das damit angerichtete Grauen, vor allem auch gegenüber der US-Bevölkerung. Japan stand bereits kurz vor der Kapitulation. Der Einsatz der Atombomben sei „vom militärischen Standpunkt aus betrachtet absolut überflüssig“ gewesen, meinte u.a. selbst der Oberkommandierende der alliierten Streitkräfte im Pazifik, US-General McArthur.“ (3)

Mit diesem Abwurf konnten seine Planer nun auch die Konsequenzen für Mensch und Umwelt testen. Vor allem aber sollte der Sowjetunion die US-Überlegenheit demonstriert werden. Wie hatte doch der Leiter des US-Atomwaffenprogramms Brigade General Leslie Groves schon 1942 gesagt: „Russland ist der Feind.“

Abschreckung im Kalten Krieg

Mit dem Erfolg des ersten sowjetischen Atomwaffentests Ende August 1949 war das US-Atomwaffenmonopol gebrochen. Andere Staaten haben inzwischen Atomwaffen angeschafft. Bis heute sind die USA die einzige Atommacht, die ihre Atomwaffen auch eingesetzt hat.

Seit 1949 spielen Atomwaffen und die Nuklearstrategie in den Auseinandersetzungen zwischen USA/NATO und Sowjetunion/Russland eine zentrale Rolle.

Der Start des ersten Sputnik 1957 zeigte, dass nunmehr auch sowjetische Interkontinentalraketen das US-Territorium erreichen könnten.

Den strategischen Vorteil der USA mit ihren Mittelstreckenraketen in der Türkei und Italien wollte die UdSSR 1962 mit der Stationierung von Mittelstreckenraketen auf Kuba kompensieren. Die Kuba-Krise endete mit einer Vereinbarung. Die sowjetischen Raketen wurden aus Kuba und die US-Raketen aus der Türkei und Italien abgezogen.

Das durch die nukleare Hochrüstung entstandene „Gleichgewicht des Schreckens“ – die Mutually Assured Destruction – also die gegenseitig zugesicherte Zerstörung – beruht auf der Annahme, dass keine Seite so verrückt sein kann, mit dem Einsatz von Atomwaffen auch die eigene nukleare Vernichtung in Kauf zu nehmen.

Heiße Zeit im Kalten Krieg

Die Entwicklung von atomaren US-Erstschlagwaffen zur „Enthauptung“ des Gegners, die darauf zielen einen atomaren Zweitschlag zu verhindern, führten Anfang der 1980iger Jahre zu einer neuen Eskalation. Man kann wohl sagen, dass die frühen 80iger Jahre die heißeste Zeit des Kalten Krieges waren.

1979 hatte die NATO den berühmten Doppelbeschluss zur Stationierung der Pershing II und Cruise Missiles verabschiedet, nukleare Erstschlagwaffen, die vor allem in der Bundesrepublik stationiert werden sollten.

Reagan hatte Abrüstungsverhandlungen für tot und eine Koexistenz mit dem „Reich des Bösen“ für ausgeschlossen erklärt. 1983 spitzten sich die Spannungen zu. US-Neocons in der Reagan-Administration propagierten den nuklearen Enthauptungsschlag der Sowjetunion und erstellten Pläne für einen „begrenzten Atomkrieg“ in Europa, der für die USA „führbar und gewinnbar“ sein sollte.

Als Anfang November auch noch das traditionelle NATO-Manöver ABLE ARCHER mit einer Simulation verbunden wurde, die auf Moskau wie die Vorbereitung eines nuklearen Erstschlags wirkte, spannten sich die Nerven in Moskau. Nach den bitteren Erfahrungen des Überfalls Nazideutschlands, wollte die sowjetische Staatsführung das Land nie mehr einem Überraschungsangriff ausliefern und schaltete auf Gefechtsbereitschaft.

Mit den Informationen des DDR-Aufklärers Rainer Rupp, der in den höchsten Gremien der NATO arbeitete und Einblick in alle wichtigen Vorgänge hatte, konnte die sowjetische Führung überzeugt werden, dass die NATO keinen nuklearen Erstschlag plante und somit die Situation entspannen.

Über die Gefahr des nuklearen Ersteinsatzes sagt Rainer Rupp, dass selbst in höchsten NATO-Stabsmanövern ein Ersteinsatz von Nuklearraketen immer nur nach Beginn von regulären Kriegshandlungen vorgesehen war, im Rahmen der Eskalationshoheit, die sich die NATO vorbehielt. Ein nuklearer Angriffskrieg zur Enthauptung der Kommando-, Kontroll- und Kommunikationszentren des Gegners – ohne dass von ihm eine akute Gefahr ausging – sei zwar Anfang der 1980er Jahre von den Neocons in der Reagan-Administration propagiert worden, aber alle Versuche, den europäischen NATO-Verbündeten einen „begrenzten, durchführbaren und gewinnbaren“ Nuklearkrieg gegen die Sowjetunion als neue NATO-Strategie zu verkaufen, seien gescheitert.

Die sowjetische Militärstrategie zu jener Zeit schloss den Ersteinsatz von Atomwaffen auch nach begonnen Kampfhandlungen aus. Wahrscheinlich, so Rainer Rupp, sei sich Moskau damals sicher gewesen, dass die NATO nie bis zur russischen Grenze kommen würde. Der Ersteinsatz von Nuklearwaffen wäre für die Sowjetführung nur eine Option, wenn die Lage eindeutig identifiziert wurde und mit einem unmittelbar bevorstehenden nuklearen NATO-Angriff gerechnet werden musste, dem man innerhalb weniger Minuten zuvorkommen wollte. Dies sei die Situation im Herbst 1983 gewesen. Deshalb standen nuklear bestückte sowjetische Bomber mit laufenden Motoren auch auf dem DDR-Territorium startbereit.

Laut Rainer Rupp, sei auch die NATO nie von einem atomaren Erstschlag seitens der Sowjetunion ausgegangen – mit Ausnahme zur Verhinderung des Starts von atomaren US-Erstschlagswaffen in Europa.

Die heiße Zeit der 80iger endetet schließlich in der Entspannung. 1987 unterschrieben US-Präsident Reagan und der sowjetische Generalsekretär Gorbatschow den INF-Vertrag zur Stabilisierung des nuklearen Gleichgewichts in Europa.

Abschreckung heute

Damit endeten jedoch nicht die Bestrebungen der USA nach nuklearer Dominanz. Zwei Experten der Nuklearkriegsführung an der US-Luftwaffenuniversität untersuchten die Entwicklung der US-Atomkriegsstrategie unter dem Friedensnobelpreisträger Barack Obama und stellten im Jahr 2013 fest, dass unter seiner Ägide das US-Militär von Anfang an das Ziel der strategischen Vorherrschaft verfolgt habe. (4) Unter dem Deckmantel des Raketenabwehrsystems in Osteuropa wurden unter Präsident Obama Erstschlagkapazitäten geschaffen – bestückbar mit den atomaren Tomahawk Cruise Missiles – ohne dass europäische NATO-Mitglieder gegen diese Verletzung des INF-Vertrages protestiert hätten.

Bei Kündigung des INF-Vertrags – wie von Präsident Trump angekündigt – und der Stationierung von US-Mittelstreckenraketen nahe der russischen Grenze, kämen wir heute in eine noch weitaus gefährlichere Situation als 1983, als die Vorwarnzeit für Moskau auf 5 Minuten reduziert war und schon damals für die Sowjetführung die Notwendigkeit bestand, im Spannungsfall bereits auf Verdacht ihren Gegenschlag zu starten, um ihrer „Enthauptung“, d.h. der Vernichtung ihrer Zweitschlagkapazität zuvorzukommen.

Bei noch geringeren Vorwarnzeiten, z.B. bei einer Stationierung der US-Raketen in der Ukraine, Rumänien, Polen und den drei rabiat anti-russischen Kleinstaaten Estland, Lettland und Litauen, würde natürlich die Gefahr einer Fehleinschätzung und somit eines Atomkriegs um ein Vielfaches wachsen, denn dann bliebe in Moskau erst recht keine Zeit mehr, um Fehlmeldungen zu überprüfen. Dieses neue Drohpotential müsste Russland wiederum mit einer weiteren atomaren Nachrüstung beantworten, um die Zweitschlagkapazität und damit eine wirksame gegenseitige Abschreckung zu erhalten.

Für Russland bleibt die Kriegsverhinderung und damit die atomare Abschreckung der wichtigste Faktor seiner nationalen Sicherheitsstrategie. Das russische Atomwaffenpotential soll andere Mächte vom Einsatz ihrer Atomwaffen abhalten und militärische Angriffe gegen sein Territorium mit einem hohen Preis für den Aggressor abschrecken.

Die heutige russische Militärdoktrin sieht den Einsatz von Atomwaffen nur dann vor, wenn die Russische Föderation mit Atomwaffen oder anderen Massenvernichtungswaffen angegriffen werden, oder wenn ein militärischer Überfall mit konventionellen Waffen, der die Existenz des russischen Staates bedroht, nicht mehr mit konventionellen Waffen abgewehrt werden kann.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gingen die USA/NATO davon aus, dass sie Russland wirtschaftlich und militärisch in die Knie zwingen würden. Zudem traten die USA 2002 einseitig aus dem ABM-Vertrag aus, dem Eckstein des internationalen Sicherheitssystems.

In seiner Rede am 1. März 2018 (5) sagte Präsident Vladimir Putin, der Westen habe offensichtlich vorgehabt, „einen möglichst großen militärischen Vorsprung zu erringen, um Russland in allen künftigen Verhandlungen die Bedingungen diktieren zu können.“

In ihrer grenzenlosen Arroganz hatten die Herren und Damen des NATO-Kriegsbündnisses die Hand ausgeschlagen, die Putin ihnen immer wieder gereicht hatte. Und so kündete Putin russische Maßnahmen an, um die strategische Parität wiederherzustellen. Gleichzeitig wiederholte er sein Angebot endlich zu verhandeln, um „gemeinsam ein neues, wirklich funktionierendes, internationales Sicherheitssystem zu erarbeiten und über eine nachhaltige Entwicklung der menschlichen Zivilisation nachzudenken.“ Und er betonte, Russland sei jederzeit zu Verhandlungen bereit.

Dass der „Westen“ sich von Putins Rede schockiert zeigte, von Aggressivität und Provokation sprach – wer könnte es anders erwarten. Allerdings reihten sich auch die Friedensorganisationen ICAN/IPPNW in einer Pressemitteilung (6) in den Chor des Mainstreams ein. „Putin droht mit neuen ‚unschlagbaren‘ Atomwaffen“, heißt es dort, „Jetzt steigt auch Putin in den Potenzstreit mit Donald Trump und Kim Jung-un ein“ und „Putin protzt mit seinen neuen nuklearen Fähigkeiten.“

Hatten ICAN/IPPNW die Entwicklung seit den 1990iger Jahren verschlafen? Hatten sie die Rede Putins nicht gelesen? Warum ignorierten sie das russische Angebot zu verhandeln?

Atomare Abschreckung als politisches Instrument

Ob uns das gefällt oder nicht: Atomare Abschreckung ist auch ein politisches Instrument. Das zeigt gerade das Beispiel Nordkorea. Nachdem Nordkorea 2002 von den USA auf die Liste der „Achse des Bösen“ aufgenommen wurde, entschied es sich für die Wiederaufnahme seines Atomwaffenprogramms. Man darf wohl davon ausgehen, dass Nordkorea keine Selbstmordabsichten hegt und einen atomaren Angriffskrieg plant.

Wie der Asienexperte Rainer Werning es formulierte: „Nach einem fünfzehnjährigen westlichen ‚Krieg gegen den Terror‘ mit reihenweise verwüsteten Staaten im Nahen und Mittleren Osten folgt Nordkoreas Nomenklatura einer sehr rationalen Logik: Wenn wir schon international nicht als Freund geachtet sind, wollen wir wenigstens auf Augenhöhe als Feind geächtet werden.“ (7) Auf Augenhöhe mit den USA verhandeln, ist der gegenwärtige Versuch der Regierung in Pjöngjang, um endlich zu einem Friedensvertrag zu kommen.

Das bedeutet natürlich nicht, die Friedensbewegung müsste nun eine atomare Bewaffnung aller Staaten begrüßen, die sich dem USA/NATO-Diktat nicht beugen wollen. Für eine Friedensbewegung ist das politische Instrument die Charta der Vereinten Nationen, d.h. die Achtung der Souveränität und Gleichheit aller Nationen und die klare Positionierung gegen jedes Diktat der Stärkeren.

Kann das Verbot von Atomwaffen weiterführen?

Beide atomaren Großmächte wissen, dass es in einem Atomkrieg keinen Sieger geben kann. Und da die Eskalationsspirale hin zu einem Atomwaffeneinsatz nicht kontrollierbar ist, ist die gegenseitige nukleare Abschreckung auch eine Abschreckung gegen einen konventionellen Angriff.

Zum Atomwaffenverbotsvertrag erklärte Sergej Lawrow (8), „die Befürworter des Vertrags, einschließlich der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Nuklearwaffen (ICAN), die mit dem Friedensnobelpreis für 2017 ausgezeichnet wurde, scheinen von einem hehren Ziel geleitet zu sein, Atomwaffen so schnell wie möglich zu verbieten.“ Auch Russland trete ein für eine atomwaffenfreie Welt. Dennoch könne es den Vertrag nicht unterschreiben, da „eine vollständige Denuklearisierung nur im Rahmen der allgemeinen und vollständigen Abrüstung unter Bedingungen gleicher und unteilbarer Sicherheit für alle Staaten, einschließlich der Nuklearstaaten, möglich ist, wie dies der Atomwaffensperrvertrag festgelegt.“

Der Vertrag über das Verbot von Nuklearwaffen hingegen „entspricht nicht diesen Grundsätzen und ignoriere die Notwendigkeit alle Faktoren zu berücksichtigen, die die strategische Stabilität beeinflussen können, und kann sich daher destabilisierend auf das Nichtverbreitungsregime auswirken. Im Ergebnis könnte die Welt noch instabiler und unberechenbarer werden.“

Inzwischen haben die ständigen UN-Sicherheitsratsmitglieder Russland, Großbritannien, China, die USA und Frankreich eine gemeinsame Erklärung im gleichen Sinn verbschiedet, in der es heißt, der Atomwaffenverbotsvertrag „wird nicht zur Vernichtung auch nur einer einzigen Waffeneinheit führen. Er entspricht nicht den höchsten Standards der Nichtweiterverbreitung. Er provoziert Diskrepanzen im Rahmen der internationalen Instrumente zur Nichtverbreitung und Abrüstung, was den weiteren Prozess im Abrüstungsbereich noch mehr erschweren kann“. Und sie betonen, „dass die beste Methode zum Erzielen einer Welt ohne Atomwaffen ein etappenweiser Prozess ist, der die Situation im Bereich der internationalen Sicherheit berücksichtigt.“ (9)

Kein Atomwaffenstaat wird in absehbarer Zeit den Atomwaffenverbotsvertrag unterschreiben.

ICAN geht davon aus, dass der Vertrag trotzdem wirke, denn er nehme den Atomwaffen „die Legitimität und diskreditiere den Besitz“. Auch das würde nicht weiterführen, denn Atomwaffen werden ja nicht moralisch gerechtfertigt, sondern strategisch begründet.

Zwei weitere Probleme seien hier nur angedeutet:
Auch wenn die Besitzerstaaten dem Verbotsvertrag beitreten würden, es gibt keine totale Verifizierung der Vernichtung ihrer Atomwaffen. Die internationalen Interessenkonflikte und Widersprüche lassen kein vollständiges gegenseitiges Vertrauen zu.

  • Ein Staat, der nicht alle Atomwaffen abbaut, könnte alle anderen erpressen. Die Expertise und Technologie existieren weiterhin und ermöglichen auch eine neuerliche atomare Rüstung, nicht nur heimlich. Jeder Staat kann entsprechend begründet aus dem Atomwaffenverbotsvertrag nach einer 12-monatigen Ankündigungsfrist aussteigen. Ein neuer nuklearer Rüstungswettlauf ist damit vorprogrammiert.
  • Eine atomare Abrüstung bis auf null, würde zudem die konventionelle Rüstung derart anheizen, dass die internationale Situation noch instabiler werden könnte und wegen der viel höheren Kosten Länder wirtschaftlich ruinieren.

Nach der Ankündigung Trumps aus dem INF-Vertrag auszusteigen, forderte ICAN zwar auch die Rückkehr zur Abrüstung, erklärte aber zugleich, „der internationale Verbotsvertrag ist der Weg nach vorne.“

Der Verbotsvertrag kann von der Sache her nur ein Ziel sein und nicht der Weg. Mit diesem Verbot wird keine einzige Atomwaffe verschwinden. Der Vertrag kann nicht mehr sein als ein moralisches Bekenntnis ohne praktische Konsequenzen.

Wenn eine Kampagne zu einem so schwierigen Thema wie Atomwaffen die Realitäten negiert, um das Ziel zum Weg zu erklären, besteht dann nicht die Gefahr, dass sie bei vielen Engagierten Illusionen und falsche Hoffnungen erzeugt?

Und schließlich: Wie sinnvoll ist ein internationaler Vertrag zum Verbot von Atomwaffen, von dem man von vorneherein wissen muss, dass ihm unter den heutigen und absehbaren internationalen politischen Realitäten nur Staaten beitreten, die keine Atomwaffen haben, keine atomare Bewaffnung planen und von denen keine Gefahr einer nuklearen Auseinandersetzung ausgeht?

Was können wir hierzulande tun?

ICAN und große Teile der Friedensbewegung fordern die Bundesregierung auf, den Verbotsvertrag zu unterschreiben. Laut Vertrag, sollen Länder, auf deren Territorien fremde Kernwaffen lagern, „dafür Sorge tragen“, dass diese nach Vertragsunterschrift „sobald wie möglich entfernt werden spätestens aber zu einem vom ersten Treffen der Vertragsstaaten festzulegenden Termin“. (10) Allerlei Vertragsbestimmungen sollen die Umsetzung regeln.

Die Bundesregierung könnte mit einer Unterschrift zwar ihre selbstgefällige moralische Pose einnehmen – auf die Bedrohung des „bösen Russlands“ zeigend, das sich dem Vertrag nicht anschließen wird – nur kommt sie sowieso nicht umhin, selbst „dafür Sorge zu tragen“, dass die US-Atomwaffen auch wirklich abgezogen bzw. nicht durch modernisierte ersetzt werden. Sie könnte sich also durchaus hinter dem breiten Rücken der USA verstecken, falls diese Schwierigkeiten machen.

Aber warum überhaupt diesen Umweg über den Verbotsvertrag gehen? Die Bundesregierung kann jederzeit aus der nuklearen Teilhabe aussteigen. Es gab diesbezüglich immer wieder Ankündigungen und 2009 hatte sie es sogar schon im Koalitionsvertrag festgeschrieben.

Das Problem ist doch wohl, dass ihr der Wille fehlt, sich mit den USA diesbezüglich anzulegen. Schließlich braucht die BRD die Rückversicherung und militärische Rückendeckung von USA und NATO, um ihre imperialistischen Interessen durchzusetzen. Hier fängt die politische Aufklärung an, die zur Erkenntnis führen kann: Raus aus der NATO und NATO raus aus unserem Land.

Vor allem anderen aber, muss die Friedensbewegung endlich in die politische Offensive kommen. Mit moralischen Appellen und abstrakten Forderungen, die an der Realität nichts ändern können, wird das nicht gelingen.

Eine Kernfrage der deutschen Regierungspolitik ist die Beziehung zu Russland. Hierzu muss die Friedensbewegung auch selbst eine eindeutige Position beziehen. Russland bedroht uns nicht. Russland hat keinerlei Interesse an einem Krieg mit der NATO. Die deutsche Friedensbewegung steht in der Pflicht sich der Geschichte zu erinnern, und Anmaßungen, Hetze und politische Eskalation gegen Russland klar zurückzuweisen. Sie muss von der Bundesregierung eine aktive und konkrete Politik der Deeskalation fordern, die sich dafür einsetzt, dass NATO/USA das von Präsident Putin wiederholte Angebot zu Verhandlungen auf allen Ebenen aufgreifen.

Solange die internationalen Beziehungen von erheblichen Interessenkonflikten, Gegensätzen und Auseinandersetzungen geprägt sind, wird es keine atomwaffenfreie Welt geben. Ein moralisches Bekenntnis zum Atomwaffenverbot kann keinen Schritt weiterführen, sondern nur Verhandlungen zu gegenseitiger Begrenzung, Kontrolle und Abrüstung. Atomare Abrüstung kann nur die Folge sein aus einem Prozess politischer Entspannung.

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  1. Quellen der Argumente und Zitate von ICAN in diesem Artikel:
    https://www.icanw.de/wp-content/uploads/2018/01/2017-01_Atomwaffen-aechten_web.pdf
    https://www.icanw.de/grunde-fur-ein-verbot/argumente-fur-die-aechtung/
    https://www.friedenskooperative.de/friedensforum/artikel/pro-und-contra-atomwaffenverbots-vertrag
    https://www.icanw.de/wp-content/uploads/2014/07/ICAN_Kommentar_3_2016.pdf
    https://www.icanw.de/wp-content/uploads/2017/12/faq_verbotsvertrag.pdf
    https://www.icanw.de/neuigkeiten/bundesregierung-muss-zu-atomwaffenvertrag-vermitteln/

  2. Amerikas ungeschriebenen Geschichte: Die Schattenseien der Weltmacht Oliver Stone, Peter Kuznick – Ullstein Buchverlage, Berlin 2015

  3. Ebenda

  4. https://deutsch.rt.com/meinung/74312-stationieren-usa-nukleare-mittelstreckenraketen-in-rumaenien-teil-3/

  5. http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_16/LP02918_050318.pdf

  6. https://www.ippnw.de/relaunch/atomwaffen/artikel/de/friedensorganisationen-kritisieren-a.html

  7. https://www.jungewelt.de/artikel/329266.nukleare-lebensversicherung.html

  8. http://www.mid.ru/en/web/guest/meropriyatiya_s_uchastiem_ministra/-/asset_publisher/xK1BhB2bUjd3/content/id/2913751
    https://de.sputniknews.com/panorama/20180119319134348-welt-atomwaffen-russland-lawrow/

  9. http://www.mid.ru/en/web/guest/maps/fr/-/asset_publisher/g8RuzDvY7qyV/content/id/3384609
    https://de.sputniknews.com/politik/20181029322795184-atomwaffenverbotsvertrag-weltarsenale-kernwaffen-auftreten-gegen/

  10. fhttp://www.un.org/depts/german/conf/a-conf-229-17-8.pdf

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