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Bericht zur „Berliner Runde – Freidenker im Gespräch“ am 9.4.2014

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Bericht  „Berliner Runde – Freidenker im Gespräch“, am 9. April 2014, 18.00 Uhr in Berlin

„Wie die Humboldt-Universität gewendet wurde“*

Demokratisierungsdruck aus dem Osten und Ende einer Alternative?

mit Professor Heinrich Fink

Etwa 1 Jahr lang konnte an der Humboldt-Universität Berlin (HUB) selbstbestimmt die demokratische Erneuerung voran gebracht werden: frei gewählte Mitglieder des Konzils beschlossen 1989 ein neues Statut und wählten ihren Rektor – Prof. Heinrich Fink. Sein Motto war die stolze und humanistische Losung: “Erneuerung aus eigener Kraft und mit den vorhandenen Menschen“.

In seiner Antrittsrede sprach er über den Hintergrund seines Engagements: „Sozialismus als Vision von machbarer Gerechtigkeit und Frieden ist nicht zu zerstören…“ „Die 15 Millionen jährlich im Kontext des freien Marktes verhungernden Kinder fordern eine mit den Mitteln der Wissenschaft zu erbringende moralische Lösung“.

Diese Phase des Aufbruchs und der gelebten Demokratie wurde nach der ersten gemeinsamen Wahl mit dem Sieg des Lagers der CDU 1990 abrupt beendet.

Unter maßgeblichem Einfluss des zuständigen Senators (CDU), der Gauck-Behörde und der Regierungspolitik von Kohl wurde aus dem demokratischen Aufbruch ein „demokratischer Abbruch“ (Daniela Dahn).

Wie das vor sich ging, mit welchen undemokratischen Mitteln, wie Stasi-Hysterie, West-Hörigkeit, verbunden mit Täuschungen, Verleumdungen und Erpressungen sowie Besetzung der Stellen mit West-Importen, konnte Prof. Fink aus eigenem Erleben in der Lesung aus seinem Buch zu Beginn der Veranstaltung schildern.

Es gab in der Zeit nach der Öffnung der Grenze tausende solcher Beispiele der Abwicklung – in der Industrie (s. Volker Braun, Die hellen Haufen), im Bildungswesen, im Gesundheitswesen und auf dem Gebiet der Kultur. Evaluierungskommissionen überzogen die Einrichtungen der DDR.

Jedoch ist die Geschichte der HUB Anfang der 90-ger Jahre, die Entlassung von 2500 Universitätsangehörigen, ein besonders krasses Beispiel der Abwicklung einer Lehr- und Forschungseinrichtung.

Die HUB war die einzige Hochschuleinrichtung auf dem Boden der einverleibten DDR, die gegen die Abwicklungs-beschlüsse gerichtlich vorging.

Die HUB hätte eine neue Kultur der Lehre entwickeln können, mit fest angestellten wissenschaftlichen Mitarbeitern, die eine wissenschaftliche Grundausbildung der Studenten auf hohem Niveau gewährleisten konnten.

Es wären wissenschaftliche Fragen aufgeworfen worden, die z.B. die heutigen Doktrinen der Wirtschaftswissenschaft, die in die gegenwärtige Krise geführt haben, in Frage stellen konnten.

Von den Teilnehmern der Veranstaltung wurden in der Diskussion und nach der Veranstaltung Fragen aufgeworfen:

Warum hat es damals nicht einen erfolgreicheren Weg gegeben? Warum hat der Marsch der Studenten und ihres Rektors nach Leipzig, die Besetzung von Landtagen u.a. Gremien durch Studenten so wenig gebracht?

Haben wir über unsre damaligen Niederlagen genug gesprochen und aufgeklärt?

Woher kommen die Illusionen, die Menschen bis heute, auch in anderen Ländern, verwirren und damit die Wiederholung der Politik der feindlichen Übernahmen aus den Jahren 1989/92 ermöglichen?

Die „Abwickler“ wenden ihre Erfahrungen brutal auf immer weitere Länder an, demnächst auf die Ukraine. Wie geben wir unsre Erfahrungen dorthin weiter?

Folgende Schlussfolgerungen zieht der Berichterstatter aus der gelungenen Veranstaltung:

  1. Die Art und Weise der Einvernahme der DDR in die Bundesrepublik muss immer wieder Anlass für persönliche Rechenschaft sein. Gleichzeitig aber auch für die Analyse, wie einzelne gesellschaftliche Bereiche an die bundesdeutschen Gegebenheiten angepasst und welche Rückentwicklungen dabei in Gang gesetzt wurden.
  2. Die schlimmen Folgen der Abwicklung sollten als Erfahrung an andere Völker weiter gegeben und damit die Illusionen von der hoch entwickelten BRD und EU gerade gerückt werden, z.B. als Warnung vor allen Abschlüssen von EU-Assoziierungsabkommen.
  3. Der sozialstaatliche Gehalt des Grundgesetzes ist zu verteidigen. „Demokratie ohne soziale Gleichheit bleibt eine Fassade“ – und befördert die Entwicklung faschistischer Tendenzen.

* Das gleichnamige Buch, geschrieben von Heinrich Fink, erschien im Ossietzky-Verlag, 2. Auflage 2013.

Uta Mader, 14.4.14

 

Dieser Beitrag wurde am Montag, 14. April 2014 um 22:00 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie DFV Berlin abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen.

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