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Zum 123. Geburtstag von Bertolt Brecht

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DAS PROLETARIAT IST NICHT MIT EINER WEISSEN WESTE GEBOREN

(…)

Wenn die Bourgeoisie nicht mehr fähig ist, die Kultur zu organisieren, wie sie nicht mehr fähig ist, die Produktion zu organisieren;

wenn die alten Beschwörungen niemand mehr hört, weil jedermann durch die Schreckensrufe der Vergewaltigten und Hungernden taub geworden ist;

wenn Friedensliebe Schwäche bedeutet, Güte Selbstaufopferung;

wenn die Arbeiter, die ungeheure Mehrzahl der Bevölkerung, die Wahrheit nicht mehr sagen dürfen und die Unwahrheit hören müssen;

wenn die Nation ein Gegenstand der Verachtung, der Dienst für sie ein Verbrechen geworden ist;

wenn die Erzieher die Handlanger der Totengräber sind, die Erziehung nur Abgerichtete oder Hingerichtete hinterläßt;

wenn öffentliche Dienste nur durch Erpressung erreicht werden können und die Erpressung an der körperlichen Schwächung der Erpreßten scheitert;

wenn die Belehrung nur mehr den Belehrenden nützt, den Belehrten schadet, wenn sie dann nicht einmal den ersteren mehr nützt;

wenn die Musik dem Massenmord aufspielt, der Roman ihn verherrlicht, die Philosophie ihn begründet;

wenn die Korruption nicht mehr geheimzuhalten ist, ihre Abstellung keine Linderung des Elends mehr bedeutet;

wenn der Unterschied zwischen den Zuchthäusern und den Wohnhäusern für die Arbeiter so gering geworden ist, daß man in den ersteren, um noch damit schrecken zu können, die Folterung einführen muß;

wenn die Tugenden dazu herhalten sollen, die Verbrechen der Oberen zu begleichen;

wenn das Volksvermögen der Vernichtung des Volkes durch den Krieg dienstbar gemacht wird;

wenn der Krieg die letzte Ausflucht der Wirtschaft geworden ist und nicht mehr gewonnen werden kann …

Kurz: wenn die Kultur, ganz und gar zusammenbrechend, über und über befleckt ist, fast schon ein System von Flecken, eine wahre Sammelstelle von Unrat;

wenn die Ideologen zu verkommen sind, die Eigentumsverhältnisse anzugreifen, aber auch zu verkommen, sie zu verteidigen, so daß sie von den durch die willig, aber schlecht bedienten Herren weggejagt werden;

wenn die Wörter und Begriffe mit der Sache, dem Tun und den Verhältnissen, die sie bezeichnen, überhaupt kaum noch zusammenhängen, so daß man diese letzteren ändern kann, ohne die ersteren ändern zu müssen, oder die Wörter ändern kann und Sache, Tun und Verhältnisse im alten Stand belassen werden;

wenn der nicht zum Töten Bereite keine Hoffnung mehr haben darf, mit dem Leben davon zu kommen;

wenn die geistige Tätigkeit so eingeschränkt wird, daß der Prozeß der Ausbeutung selbst darunter leidet;

wenn den Charakteren nicht mehr die Zeit zugestanden werden kann, die sie zum einfachen Umfallen brauchen;

wenn der Verrat nichts mehr hilft, die Gemeinheit nichts mehr einbringt, die Dummheit niemanden mehr empfiehlt;

wenn selbst der unersättliche Blutdurst der Pfaffen nicht mehr ausreicht und sie weggejagt werden müssen;

wenn nichts mehr zu entlarven ist, weil die Unterdrückung ohne die Larve der Demokratie, der Krieg ohne die der Friedensliebe, die Ausbeutung ohne die der freiwilligen Zustimmung der Ausgebeuteten einherschreitet;

wenn die blutigste Zensur jedes Gedankens herrscht, aber überflüssig ist, denn es werden keine Gedanken mehr gedacht;

so kann die Kultur vom Proletariat in demselben Zustand übernommen werden wie die Produktion: in zerstörtem Zustand. Denn auch die Produktion bekommt es nur, wenn sie entwertet ist, durch Krieg oder Krise heruntergewirtschaftet, und das Proletariat selber muß sich an dieser Zerstörung beteiligen.

Niemand kann doch erwarten, daß es sich bei diesem Erben um ein friedliches fleißiges Hereinschaffen herrenlos im Regen stehengelassener Güter handeln könnte.

Bertolt Brecht

Dieser Beitrag wurde am Mittwoch, 10. Februar 2021 um 13:45 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Allgemein abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen.

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